Gruner ist Daimler, Springer ist BMW

Wer hätte das noch vor drei Monaten gedacht, dass sich ausgerechnet Gruner + Jahr an die Speerspitze der deutschen Verlagssanierer setzt. Gruners Vorstandschef Bernd Kundrun hat sich mit seiner Ankündigung, Verlustbringer unter den Zeitschriften einzustellen, meiner Meinung nach extrem ungeschickt verhalten. Mag sein, dass das Haus in Schwierigkeiten steckt, weil die Anzeigen-Erlöse wegbrechen usw. Aber […]

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Wer hätte das noch vor drei Monaten gedacht, dass sich ausgerechnet Gruner + Jahr an die Speerspitze der deutschen Verlagssanierer setzt. Gruners Vorstandschef Bernd Kundrun hat sich mit seiner Ankündigung, Verlustbringer unter den Zeitschriften einzustellen, meiner Meinung nach extrem ungeschickt verhalten. Mag sein, dass das Haus in Schwierigkeiten steckt, weil die Anzeigen-Erlöse wegbrechen usw. Aber kurz vor Jahresende dann noch schnell eine Massenpanik unter der Belegschaft anzetteln. Nicht sehr klug. So etwas sollte man erst kommunizieren, wenn konkret bekannt ist, wen es erwischt. Das ist für die Betroffenen bitter, aber wenigstens noch kurz. Jetzt müssen sich viele unbegründet Sorgen um den Arbeitsplatz machen. Und soll keiner sagen, dass Kundrun dass ja nur in einer internen Mail geschrieben hat. Wenn so jemand so einen Rundbrief schreibt, dann nimmt er zumindest billigend in Kauf, dass der Inhalt öffentlich wird. Oder er wäre grenzenlos naiv.

Ich muss bei dem Lamento dauernd an die Auto-Industrie denken. Vor wenigen Monaten hätte womöglich auch niemand geglaubt, dass das deutsche Vorzeige-Unternehmen Daimler so sehr knappsen muss, dass die Bänder stillstehen. Volkswagen schickt Leiharbeiter in die Wüste und auch beim Branchenprimus BMW herrscht Heulen und Zähneklappern. Genau wie die Print-Branche leiden die Autobauer unter Über-Kapazitäten. Es wurden einfach zuviele Autos auf Halde gebaut und via Leasing-Verträge und Tageszulassungen in den Markt gemogelt. Genauso wurden zuviele Zeitschriften gedruckt und via sonstige Verkäufe und Bordexemplare in Umlauf gebracht, ohne dass dafür wirklich ein Käufer- oder gar Lesermarkt vorhanden wäre.

In Print- und Autoindustrie fliegt den Herstellern und Verlegern das Prinzip Über-Produktion in der Krise nun um die Ohren. Bei VW wird es garantiert noch schlimm, wenn Porsche dort erst einmal wirklich das sagen hat. Und sollte bei Gruner + Jahr irgendwann die schützende Hand der Jahr-Familie wegfallen, würde es garantiert noch viel ungemütlicher als es jetzt ohnehin schon ist. Um den Vergleich mit der Auto-Industrie nochmal aufzugreifen. Ich denke, Gruner ist Daimler – traditionsreiches Vorzeigeunternehmen, dass in die Krise schlittert. Axel Springer ist BMW – super effizient aufgestellt aber sehr stark vom Kerngeschäft abhängig. Der Bauer Verlag ist Opel – solide aber mieses Image und bedroht von den Billigheimern der Branche.

Diese Vergleich hinken natürlich fürchterlich. Aber ein bisschen kann man die Lage in den beiden Branchen schon vergleichen, denke ich.

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