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WAZ-Chefs streichen bis zu 300 Jobs

Der Rotstift regiert: Am Donnerstag abend wurde bekannt, dass die WAZ-Gruppe bei ihren Zeitungen in Nordrhein-Westfalen drastische Einsparungen vornehmen will. Nach Informationen des Westdeutschen Rundfunks sollen die "WAZ", "WR", "NRZ" und "WP" nun radikal zusammengekürzt und bis auf Weiteres mit 32 statt 48 Seiten gedruckt werden. Bis zu 300 Mitarbeitern droht die Entlassung. Die Redaktionen erfuhren erst am Nachmittag davon.

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Hintergrund ist die schwierige wirtschaftliche Lage der WAZ-Gruppe. Angeblich sind alle Zeitungen bis auf die „WAZ“ in den roten Zahlen. Der Sparkurs verfolgt ein Konzept der Hamburger Unternehmensberatung Schickler, die auch schon bei Gruner+Jahr in diesem Jahr ein Synergiepaket schnürte, bei dem 60 Stellen wegfallen. Die WAZ-Gruppe will jetzt rund 30 Millionen Euro einsparen. Die ersten Opfer sind die vier großen Zeitungen des Verlags „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ), „Westfälische Rundschau“ (WR), „Neue Ruhr-/Neue Rhein-Zeitung“ (NRZ) und „Westfalenpost“ (WP), deren Umfang um 33 Prozent verringert wird.

Auch personell hat sich gestern Einiges im Essener Verlagszentrum getan: Ulrich Reitz, bisher Chefredakteur der WAZ, ist in den Geschäftsleitungskreis der WAZ Mediengruppe berufen worden. Dort soll er ab sofort die Angelegenheiten aller Zeitungsredaktionen der WAZ-Gruppe koordinieren, so der Verlag gestern in einer Mitteilung. Neuer Verlagsgeschäftsführer für den Bereich Nordrhein-Westfalen wird Harald Wahls. In dieser Funktion wird er die Verantwortung für die kaufmännischen, markt- und vertriebsbezogenen Angelegenheiten der vier betroffenen Zeitungen tragen.

Zuvor war noch die Rede von der Zusammenlegung von Redaktionen, wie W&V gestern berichtete. Ähnlich wie beim mittlerweile legendären Memorandum von Playboy-Chefin Christie Hefner an alle Angestellten, setzten die Geschäftsführer Bodo Hombach und Christian Nienhaus Einsparungen bei Sach- und Personalkosten ihre rund 900 Mitarbeiter in einer verlagsweiten Mitteilung in Kenntnis. Laut Memo sei „die Lage dramatischer, als sie je war“, berichtete W&V.

Dass jetzt aber so radikal der Umfang gleich mehrerer Blätter reduziert wird, lässt auf eine miserable Anzeigenlage bei der WAZ-Gruppe schließen. Der seit Wochen andauernde Börsencrash scheint die Werbekundschaft immer zaghafter werden zu lassen. Die betroffenen Zeitungen erreichen insgesamt eine tägliche Auflage von ca. einer Million. Sie sind redaktionell eigenständig, kooperieren aber wirtschaftlich. Wie der Sparkurs die anderen Publikationen der WAZ-Gruppe treffen wird, ist noch ungewiss.

Aktuell verlegt die Mediengruppe 33 Tageszeitungen, 18 Wochenzeitungen, 176 Publikums- und Fachzeitschriften, 107 Anzeigenblätter und 400 Kundenzeitschriften. Laut Informationen der „Aktuelle-Stunde“-Redaktion erfuhren die Redakteure der vier Titel von der Entscheidung erst am Nachmittag. Der neue WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus (zuvor „Bild“-GF), der neben Bodo Hombach verantwortlich zeichnet, hatte in den vergangenen Wochen in Interviews immer wieder Sparmaßnahmen und Synergien angekündigt. So soll zum Beispiel bei Sportereignissen nur noch ein Reporter vor Ort sein, der alle WAZ-Titel beliefert.
Unterdesssen übte die umstrittene Chefredakteurin der „Westfälischen Rundschau“, Kathrin Lenzer, Kritik an der WAZ-Führung und an ihrem Vorgänger Klaus Schrotthofer. „Der alte Kurs hat unserer Zeitung erhebliche Verluste eingebrachte“, schrieb die 37-Jährige in einer Mail an ihre Mitarbeiter, „dringend notwendige Maßnahmen, die unsere Zeitung zukunftssicher gemacht und die Belegschaft geschont hätten, sind in der Vergangenheit weder angepackt noch umgesetzt worden.“
Bis zum 21. November wird nun der Betriebsrat des Konzerns über die Details des Sparpakets informiert. Wie viele Mitarbeiter tatsächlich gehen müssen und wie viele Lokalredaktionen geschlossen werden, soll bis 31. Januar 2009 geklärt werden. Zum Ende des ersten Quartals dürften die Betroffenen dann betriebsbedingte Kündigungen erhalten. Gewiss ist: Die Finanzmarktkrise ist endgültig in der deutschen Medienlandschaft angekommen.

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