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„Internet-Versuche der Verlage enttäuschen“

Ob im Internet oder im Fernsehen: Sind in Deutschland Qualität und Quote vereinbar? MEEDIA fragte den TV- und Web-Kritiker Stefan Niggemeier. Seine klare Antwort: "Fast nie". Erstaunlich findet der Bildblog-Gründer, „dass im Web selbst die seriösesten Medien auf Boulevard machen.“ Die Schuld dafür tragen aber nicht zwangsläufig nur die Sender und Verlage. Denn Niggemeier befürchtet, dass die deutschen Medien möglicherweise genau das Publikum haben, dass sie verdienen.

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Hat Marcel Reich-Ranicki recht mit seiner Kritik? Hat das deutsche Fernsehen ein Qualitätsproblem?
Womöglich, aber was hilft es, diese Frage mit Ja oder Nein zu beantworten? Im Moment habe ich eher das Gefühl, dass die Debatte über die Qualität im Fernsehen ein Qualitätsproblem hat. Richtig ist, dass es im Fernsehen an Mut und Innovationen mangelt und das Medium zum Beispiel ein Problem hat mit den veränderten Nutzungsgewohnheiten und der Zersplitterung des Publikums. Fernsehen wird immer mehr zum Nebenbeimedium, was seiner Qualität nicht gut tut. Und die großen Sender müssen, um überhaupt noch ordentliche Quoten zu erzielen, auf die ganz große Masse zielen – was dabei rauskommt, macht den einzelnen selten glücklich. Die wenigen besonderen Sendungen und Konzepte werden spät am Abend versteckt. Man könnte sagen, dass sich das Fernsehen die größte Mühe gibt, die Zuschauer nicht mit anspruchsvollen Angeboten zu belästigen. Man muss aber auch sagen: Traut sich dann aber mal ein Sender und zeigt zur Prime-Time einen guten Beitrag, funktioniert der auch nicht.

Zum Beispiel?
Nehmen Sie „Altern auf Probe“. Die Reportage von Sven Kuntze wurde gerade – zu recht – beim Fernsehpreis ausgezeichnet und lief in der ARD an einem Montag um 20.15 Uhr. Die Quote war miserabel.

Hat das deutsche TV-Publikum also das Programm, dass es verdient?
Wahrscheinlich ja. Aber es stellt sich natürlich die Frage: Was ist Ursache und was ist Wirkung. In den USA feiern beispielsweise Serien mit komplexen Handlungssträngen, die sich über mehrere Wochen erstrecken, große Erfolge und werden von vielen Zuschauern mit Genuss gesehen. Alle deutschen Serienversuche mit ähnlichen Konzepten scheiterten bislang. Vielleicht hat das deutsche Fernsehen den Zuschauern das systematisch abgewöhnt. So gesehen hat auch das deutsche Fernsehen das TV-Publikum, das es verdient.

Es spricht ja wohl nicht gerade für die Qualität des deutschen Fernsehens, wenn es reicht, einen Preis abzulehnen und deshalb gleich eine eigene Sendung zu bekommen.
Wie sollen Gottschalk und Reich-Ranicki eigentlich über die Qualität im deutschen TV diskutieren? Der eine ist Literatur-Kenner und Kritiker, der nach eigener Aussage kaum den Fernseher einschaltet, und der andere lebt die meiste Zeit in Amerika. Gottschalk war für mich der Held der Preisverleihung und zeigte seine Qualität als Moderator, wie er die Situation aufgefangen hat. Das macht ihn aber auch nicht zum Experten für das real existierende deutsche Fernsehen.

Was erwarten Sie von der Sendung am Freitag?
Das wird sicher ein launiges, folgenloses Gespräch. Ich glaube, auch die Quote wird nicht so doll werden. Aber ich will mich nicht beschweren, man ist ja froh, wenn überhaupt mal etwas Unerwartetes passiert. Alles im deutschen Fernsehen ist so konfektioniert. Es gibt keine Überraschungen. Kaum eine Sendung wird mehr live gemacht. Alles wird aufgezeichnet, geschnitten und auf Mainstream getrimmt.

Ist das in anderen TV-Ländern denn anders?
Mir kommt es so vor, dass es dem Fernsehen in Großbritannien noch eher gelingt, Debatten anzustoßen. In England ist das TV nach meiner Wahrnehmung eher noch ein Thema mit gesellschaftlicher Relevanz.

Gehen Qualität und Quote also zusammen?
Schön wäre es. Auch wenn gelungene Produktionen, wie etwa „KDD – Kriminaldauerdienst“ (ZDF) oder „Dr. Psycho“ (Pro Sieben) auf ordentlichen Sendeplätzen laufen, schaltet trotzdem nur ein relativ kleiner Kreis ein.

Gibt es überhaupt ein Beispiel für einen Quotenhit, bei dem auch die Qualität stimmte?
Aktuell fällt mir keines ein. Es gibt allerdings einige Sendungen wie „Dittsche“ oder „Zimmerfrei“, die mit viel Liebe gemacht sind, keine Rekord-Quote holen, aber genügend Zuschauer erreichen, um weiterproduziert zu werden. Diese Formate haben ihre Nischen gefunden, in denen Qualität und Quote zusammenpassen. Das müsste der Maßstab sein – nicht die Maximierung auf Rekordzuschauerzahlen.

Haben wir genügend dieser Nischen?
Nein. Prädestiniert dafür wären die dritten Programme, aber die füllen ihre Sendeplätze auch lieber mit Zoo-Dokus, Quiz-Sendungen und Serien-Wiederholungen – ein Skandal. Erstaunlicherweise leistete sich in den letzten Jahren Pro Sieben einige löbliche Ausnahmen wie Stromberg oder Dr. Psycho. Obwohl die Quote keine zweite bzw. dritte Staffel gerechtfertigt hätte, machte der Sender weiter. Hier stand der Imagegewinn vor der Quote – eine lobenswerte Ausnahme.

Im Zuge der Finanzkrise werden die Produktions-Budgets spätestens im nächsten Jahr wahrscheinlich zusammengestrichen. Leidet die Qualität dann noch stärker?
Erst einmal ja. Kleine Budgets können aber auch nicht das Fehlen von Kreativität entschuldigen. BBC Three in Großbritannien beweist, wie man mit wenig Geld und viel Einfallsreichtum ein klasse Programm und tolle Serien produzieren kann. Die kleinen Budgets ermöglichen es, größere Risiken einzugehen.

Wie liegt der Fall im Internet?

Der Fluch des Internets ist, den quantitativen Erfolg eines Artikels unmittelbar messen zu können. Wenn ein guter Feuilleton-Artikel drei mal geklickt wird, die von irgendwo abgeschriebene Paris Hilton-Story aber tausendmal so oft, kann man sich ausrechnen, wie groß der Rechtfertigungsdruck für Themen jenseits des Boulevards ist.

Gibt es ein Beispiel für richtig viel Web-Qualität und Erfolg?

Das Erstaunliche ist ja, dass im Web selbst die seriösesten Medien auf Boulevard machen. Im Grunde ist Spiegel Online ein Boulevard-Angebot – immerhin ein sehr gut gemachtes. Als Ausnahmen würde ich zum Beispiel Faz.net nennen, die es tatsächlich schaffen, fast ohne Paris Hilton auszukommen.

Belohnt das Internet Qualitätsjournalismus?
Kurzfristig nicht. Wenn ich mit einer Bilderstrecke hundert Klicks mehr mache und so meine Werbeeinnahmen steigere, dann ist die Entscheidung der Macher zwangsläufig. Langfristig hoffe ich aber, dass die Leser den Wert von relevanten, gut geschriebenen und nicht überall zu lesenden Artikeln erkennen.

Sie beklagten, dass fast alle guten Reportagen, Meinungsstücke und Artikel, die auf den Web-Angeboten der großen Zeitungen zu finden sind, eigentlich für die Print-Ausgabe geschrieben wurden.
Das ist richtig. Die guten Sachen werden noch immer für das Print-Produkt produziert – und vor allem, durch das funktionierende Geschäftsmodell der Zeitungen und Zeitschriften finanziert. Richtig gute und reine Online-Stücke in großer Zahl wird er erst dann geben, wenn die Werbeeinnahmen steigen.

Was halten Sie von der Gegenbewegung zum klassischen Journalismus, dem Bürgerjournalismus?
Ich tue mich schwer mit dem Begriff Bürgerjournalismus. Tatsache ist aber: Im Internet kann jeder publizieren, ob er nun Journalist ist oder nicht. Lesenswert und relevant ist dabei oft auch das, was man nicht als Journalismus bezeichnen würde, auch nicht als Bürgerjournalismus. Im Netz ist vieles möglich. Deshalb liebe ich dieses Medium. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass man von einem Projekt wie dem Bildblog leben kann?

Wie bewerten Sie denn das Engagement der Verlage im Netz?
Die Internet-Versuche der großen Verlage sind – gelinde gesagt – enttäuschend.

Warum?
Sie setzen teilweise in fast selbstzerstörerischem Maße auf Masse statt Klasse und auf den kurzfristigen Erfolg auf Kosten des langfristigen. Negativbeispiele sind für mich vor allem sueddeutsche.de, Welt Online und RP-Online.

Was halten sie – gerade einer der Bildblog-Macher – von den Web-Versuchen der Bild-Zeitung?
Die vor einiger Zeit getroffene Entscheidung, sehr viel mehr Print-Inhalte online zu bringen, ist aus Sicht von „Bild“ ohne Zweifel richtig. Und positiv fällt auch auf, dass Bild.de offenbar nicht mehr versucht, sich als eine Art Schleichwerbeportal zu positionieren. Vor zwei, drei Jahren noch hatten wir bei Bildblog viele aktuelle Beispiele für die Vermischung von Redaktion und Werbung bei Bild.de – das ist deutlich besser geworden.

Korrigiert Bild.de eigentlich die vielen Fehler, die Sie via Bildblog
aufdecken?

Manchmal.
Auf der DJV-Tagung „Besser Online“ am Samstag sprechen Sie das Schlusswort Thema: Der Zustand des Online-Journalismus. Was werden Sie sagen?
Das weiß ich noch nicht. Ich schwanke zwischen der Begeisterung über das, was im Internet möglich ist, und dem Frust darüber, was die deutschen Medien tatsächlich daraus machen.

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