„Die großen, sichtbaren Medien profitieren“

Grenzenloser Optimismus klingt anders: Im MEEDIA-Interview beschäftigt sich Focus Online-Chefredakteur Jochen Wegner mit den Auswirkungen des aktuellen Börsencrashs. „Ob wir mit der Finanzkrise auf eine tiefe Medienkrise zulaufen, wird sich wohl in den kommenden, für uns alle sehr wichtigen Wochen zeigen.“ Wegners Strategie für Focus Online in diesen schwierigen Zeiten, ist kontrollierte Offensive: „Wir investieren in neue Erlösmodelle und erweitern unser Netzwerk.“

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Wie sicher sind Sie, dass wir 2009 eine große Medienkrise erleben werden?
Wir gehen vorsichtig ins kommende Jahr und rechnen bei Focus Online mit verhaltenem Wachstum. Auch, wenn der Werbemarkt insgesamt schwieriger wird, könnten wie in den USA weitere Budgets vom Fernsehen ins Internet wandern. Unsere Erlöse sind derzeit im Branchenvergleich durchaus vorzeigbar. Für die gesamte Branche erwarten wir eine deutliche Reduzierung des Wachstums, die sich aus unserer Sicht bereits seit langem angekündigt hat. Unsere Gegenmaßnahmen, die wir vor einem Jahr eingeleitet haben, zahlen sich nun aus. Ob wir mit der Finanzkrise nun auch auf eine tiefe Medienkrise zulaufen, wird sich wohl in den kommenden, für uns alle sehr wichtigen Wochen zeigen.
 
 
Was sind die Auswirkungen? Wen wird es am meisten betreffen?
Im klassischen Online-Markt wird es jene Medien treffen, die in ihrem Segment keine kritische Größe haben. Kleine Marken und Me-too-Angebote werden verschwinden. Auf der anderen Seite gibt es im Performance-Markt sehr spezielle Nischen-Medien, die resistent gegen eine Werbe-Krise sind – zwei Entwicklungen, die sich nur scheinbar widersprechen.
 
 
Wie bereiten Sie sich persönlich vor? Was unternehmen Sie gegen die Krise?
Wir investieren in neue Erlösmodelle und erweitern unser Netzwerk. Wir lassen sozusagen Beiboote zu Wasser, die zu Anfang in unserem Kielwasser schnell vorankommen, um dann in eine neue Richtung zu fahren. Vom klassischen Display-Markt sind sie weitgehend unabhängig. Die Arztbewertungs-Plattform Jameda oder das neue Finanzportal Findocs, beide Teil des Focus Online-Netzwerks, sind Beispiele dafür. Auch unsere erfolgreiche Community-Strategie zielt zunehmend auf transaktionsnahe Felder wie die Bewertung von Produkten und Dienstleistungen. Wir haben das Glück, dass Focus für intelligenten Nutzwert steht und das Urteil seiner Leser sehr ernst nimmt. Das kommt uns beim Aufbau einer ganzen Reihe von Bewertungs-Communitys zu Gute, die wir zum Teil noch im 4. Quartal starten werden. Ich glaube, dass unter anderem in solchen Projekten eine Chance liegt, um in den kommenden Jahren weiter zu wachsen. Das alles funktioniert allerdings nur, weil wir eine hervorragende Redaktion haben, deren Berichterstattung unser Rekordwachstum befeuert.
 
 
Wie lange schätzen Sie, wird die Medienkrise andauern?
Ein Jahr.
 
 
Welche Chancen birgt die Krise?
Die Krise beschleunigt eine Entwicklung, die sich im Grunde seit Jahren abzeichnet. Der gesamte Werbemarkt steht vor einer tiefgreifenden Veränderung. Die Chance besteht darin, dass wir am Ende mit neuen Medien-Modellen aus ihr hervorgehen, die hervorragenden Journalismus langfristig finanzieren können. Alles, was nicht nachhaltig ist – teurer Traffic-Zukauf, PI-Schinderei – wird nun schnell eine Ende finden.
 
 
Wer sind 2009 die Winner im weltweiten Mediengeschäft?
In Zeiten, in denen die Budgets nicht mehr mit der Gießkanne verteilt werden, werden die großen, weithin sichtbaren Medien profitieren.
 

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