„Neues Medium Internet? Das nervt!“

Thomas Mrazek, Vorsitzender des Online-Auschusses beim DJV, nervt, dass alle Welt immer noch vom "neuen Medium Internet" redet. "Wir publizieren seit 15 Jahren im Web", da wirkt das "Rumgeeiere rund ums Netz" schon befremdlich, meint der als Netzjournalist bekannte Blogger und Journalist. Auf der DJV-Tagung "Besser online" nehmen Mrazek und bekannte Online-Chefredakteure, wie Manfred Hart von Bild.de und Wolfgang Büchner von Spiegel Online die "Herausforderung Internet" unter die Lupe.

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Die gegenwärtige Meinung scheint zu sein, dass Deutschland in Sachen Online-Journalismus, etwa im Vergleich zu den USA, stark hinterherhinkt. Sehen Sie das auch so?
 
Beim Blick auf den Onlinejournalismus kann man leicht in das „Amerika, du hast es besser“ — oder in diesem Fall „du machst es besser“ verfallen. Es sind relativ unterschiedliche Mediensysteme und Kulturen. Freilich lohnt sich immer wieder der Blick auf den US-amerikanischen Onlinejournalismus, wir können von den Kollegen dort einige Dinge lernen und für unsere Onlinemedien adaptieren. Erfolgreiche deutsche Onlineangebote beobachten die Entwicklungen dort sehr genau; andere vernachlässigen dies auch wohlwissend. Was dort gemacht werde, sei aus verschiedenen Gründen nicht auf deutsche Verhältnisse umzusetzen, heißt es oft. Beginnend im mikrolokalen Bereich bis hin zum bundesweiten Medium kann ich Medienmachern nur empfehlen, sich anzuschauen, was anderswo – insbesondere in den USA – gemacht wird.
 
Wo sind die Fallen des Online-Journalismus?  
 
Die genaue Messung der Klickzahlen ist mittlerweile bei vielen Medien zu einem Fluch des Online-Journalismus geworden: es wird auf Teufel komm raus der Publikumsgeschmack bedient, manchmal wird er auch schon im Übermaß vorweggenommen. Auch der unbegrenzte Raum zum Publizieren wird nicht selten mit Shovelware im Übermaß ausgefüllt, das kann es nicht sein, denn hier geht die Orientierung für die Nutzer verloren. Medien müssen eigene, nach sinnvollen Kritierien entstandene Schwerpunkte setzen und sich nicht von der grenzenlosen Freiheit und völlig von ökonomischen Vorgaben leiten lassen. Mit riesigen Gemischtwarenläden auf ihren Portalen können Medien kaum noch ihren eigenen Spin, ihren eigenen, besonderen, ursprünglichen Dreh so publizieren, dass sie auch noch Gehör finden.

Für Verleger wird online stets als „große Herausforderung“ beschrieben, die gemeistert werden muss. Für Journalisten, denken viele, ist Online-Journalismus einfach nur eine schlampigere Form des Journalismus. Was entgegnen Sie?
 
Herrje, wir publizieren nun mittlerweile schon rund 15 Jahre im Netz und immer noch wird da von „großen Herausforderung“ oder — noch schlimmer — von dem „neuen Medium Internet“ gefaselt, sorry, manchmal nervt es schon. Ich habe den Onlinejournalismus ja nun leider auch nicht erfunden, aber das mitunter extrem dilettantische Rumgeeiere rund ums Netz kann man sich manchmal wirklich nicht anschauen. Das ist meine persönliche, vielleicht etwas ästhetisch geprägte Ansicht, das mag jetzt nicht unbedingt bedeutend sein, bedeutend ist allerdings, dass durch dieses tölpelhafte Agieren Medien mitunter ihre Zukunftsfähigkeit verspielen oder schon verspielt haben.
 
Zur „schlampigeren Form des Journalismus“: Gerade durch das Aufkommen der Blogs und des Bürgerjournalismus wurde jene Einschätzung noch verstärkt. Denn jetzt kann ja praktisch jeder im Internet publizieren. Wobei ich Blogs und Bürgerjournalismus in vielerlei Hinsicht für sehr inspirierend und bereichernd für den Journalismus halte. Die Ansicht, dass im Internet eine schlampigere Form des Journalismus stattfindet mag zwar arg klischeebeladen sein, aber so ganz falsch ist sie nicht. Bei den meisten Medien sind die Onlineangebot doch nur das fünfte Rad am Wagen, weil sie zunächst nur mal Geld kosten und weil dort die wertvollen Inhalte zumeist umsonst an das Publikum gebracht werden. Entsprechend wird auch möglichst wenig in diese Redaktionen investiert, die Redakteure stehen trotzdem unter immensen Druck und sind nicht selten die eierlegende Wollmilchsau. Unter diesen Bedingungen kann guter Journalismus natürlich nur selten entstehen. Objektiv gesehen sind die meisten Onlinejournalisten jedoch keine schlechteren oder besseren Journalisten als in anderen Mediengattungen. Unter guten Bedingungen entsteht auch im Internet  hervorragender Journalismus und wenn die Nutzer bei diesen Medien noch ernsthaft interagieren können, dann entstehen da wirklich große und nachhaltige Marken.

Klicks generieren wird oft mit Online-Journalismus verwechselt, bedenkt man etwa ellenlange Foto-Galerien auf großen deutschen Nachrichtenportalen. Werden die Web-Macher es noch lernen, die User nicht für dumm zu verkaufen? Oder ist das ein Übel des Web-Journalismus, das man hinnehmen muss?
 
Vor gut zehn Jahren habe ich meine Festanstellung als Redakteur bei ProSieben unter anderem wegen dem Zwang zu diesem Quotenfetischmus aufgegeben. Ich schrieb damals — zur Frustbewältigung — als Anonymus in der „taz“ einen Artikel mit dem vielsagenden Untertitel „Dumm klickt gut“. Damals bin ich fest davon überzeugt gewesen, dass diese Luftnummern nicht lange Bestand haben werden — man verärgert schließlich die Nutzer, schadet seiner Marke, den eigenen Mitarbeitern macht solches Gebaren schließlich auch nicht unbedingt Spaß … Aber diese rationalen Argumente zählen wohl nicht, es gibt hie wie da immer noch genügend Dumme. Schade.

Was sind für Sie persönlich Beispiele für guten Online-Journalismus?
 
Seit Jahren ist für mich natürlich die New York Times eine Leitmarke, hierzulande ist es partiell noch Spiegel Online, auch Zeit Online entwickelt sich unter dem neuen Chefredakteur Wolfgang Blau gut. Gut machen die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote der BBC, aber auch Heute.de und Tagesschau.de ihre Sache. Besonders freue ich mich aber über neue Blog-Angebote, die ich auch als Onlinejournalismus betrachte. Newcomer des Jahres war für mich dabei der Sportjournalist Jens Weinreich, klasse, wie hintergründig der über die Olympiade auf seinem Blog berichtete und das Medium virtuos nutzte. Obwohl das olympische Feuer mittlerweile erloschen ist, bloggt Weinreich weiter und lässt den Leser sehr authentisch an seiner Arbeit teilhaben.

Der Journalist Jeff Jarvis predigt: „Cover what you do best. Link to the rest.“ Ein  Modell, das Sie unterstützen würden?
 
Ohne ihn zum Evangelisten zu überhöhen, ich schätze Jarvis‘ inspiriende Gedanken zu unserem Metier sehr, auch mit dieser viel zitierten Aussage hat er es auf den Punkt gebracht. Bloß, wenn sie dann mal vor Ort, beispielsweise bei einem Regionalverlag, sind, dann müssen sie solche kühnen Ratschläge ganz schnell wieder runterdampfen.
 
Was halten Sie dann von Aggregatoren wie Huffingtonpost und The Daily Beast, die vergleichsweise wenig eigenen Content produzieren? Ein Modell für den deutschen Markt?
 
Diese Aggregatoren haben bei einem bestimmten Publikumssegment gute Chancen, persönlich nutze ich die vorgenannten Angebote (The Daily Beast ist ja noch ganz frisch) nicht gern, das ist eine Geschmacks- aber vielleicht auch eine Altersfrage. Ich bin skeptisch, ob der deutsche Markt groß genug dafür ist; auch wenn relativ wenig eigene Inhalte produziert werden, muss man relativ viel Geld in die Hand nehmen, um so ein Angebot dauerhaft auf dem Markt zu platzieren: von daher glaube ich eher nicht, dass so etwas in großer Form kommen wird. Hervorragend, unaufgeregt – und ohne jegliches Web 2.0-Modegeschwafel – leisten hier die Perlentaucher für mich seit Jahren ihren Dienst.
 
Um einmal zum Print zurückzukommen: Wo sehen sie „FAZ“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel“ in zehn Jahren?
 
Weiterhin im eigenen Briefkasten oder im Zeitschriftenhandel.  

Und welches Nachrichtenportal wird dann deutscher Klickmeister sein? Und wie sieht es aus?
 
Da kann ich leider keine seriöse Prognose abgeben.

Herr Mrazek, vielen Dank für das Interview.

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