Finanzkrise: Die Tipps des Nobelpreisträgers

Paul Krugman hat die Finanzkrise als Kolumnist der "New York Times" begleitet. Die Katastrophe, so der Wirtschafts- wissenschaftler, habe sich lange angekündigt. Das moderne Finanzsystem, in dem die Banken sich nicht mehr auf tatsächliche Einlagen, sondern auf ein komplexes Geflecht von Deals stützen, ist ebenso kompliziert wie undurchsichtig. Krugman glaubt: Nur die zeitweilige Verstaatlichung der Banken kann die globale Finanzkatastrophe abwenden.

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Als US-Finanzminister Henry Paulson Mitte September entschied, die insolvente Lehman-Brothers-Bank fallen zu lassen, sprach Krugman unverhohlen von „Russischem Roulette“: Zu riskant, zu gewagt erschien Krugman die Annahme, dass der Markt diesen Einschlag aus eigener Kraft meistern würde.
Er sollte Recht behalten. Der Kollaps von Lehman Brothers, der fünftgrößten amerikanischen Investmentbank, riss den gesamten Finanzmarkt mit sich. Es bestehe die „reale Möglichkeit, das sich 2008 das Jahr 1931 wiederhole“, so der Wirtschafts-Nobelpreisträger.

Krugman – Professor an der Princeton University und an der London School of Economics, Buchautor und Blogger – präsentiert keine Patentrezepte. In seinen essayistischen Kurzanalysen für die „NYT“ stellt er Fragen, schreibt oft im Konjunktiv. Der Stil seiner Kolumne erinnert mich an den großen britischen Journalisten und BBC-Korrespondenten Alistair Cooke: Der gleiche weite Blick, trotz seiner vergleichsweise jugendlichen 55 Jahre; die gleiche Meisterschaft, höchst komplexe Zusammenhänge mit leichter Feder aufs Wesentliche zu beschränken und zu pointieren, bisweilen mit Witz, subjektiv, scharf.

Dieser Autor attestiert der amtierenden US-Regierung im Zusammenhang mit der Finanzsituation Untätigkeit, Naivität, Gedankenlosigkeit – bestenfalls ad-hoc-Lösungen: „Wirklich erschreckend ist, dass wir in die Phase einer ernsten Krise mit einer schwachen und konfusen Führung eintreten.“ Die Basis des atemberaubenden 700.000.000.000-Dollar-Plans von Finanzminister Paulson sei Wunschdenken. Das Geld der Steuerzahler steht auf dem Spiel, denn „wir haben keinen Deal“.

Gleichwohl hofft Krugman am 3. Oktober, dem Tag der Kongress-Abstimmung, dass der Rettungsplan angenommen werde – wenn auch nur „aus dem Grund, dass wir uns mitten in einer Finanzkrise befinden und eine weitere Ablehnung die Panik nur verschlimmern würde“.

Sein Vorschlag: Statt die faulen Kredite zu kaufen und sich der höchst riskanten Hoffnung hinzugeben, dadurch diesen finanziellen „Giftmüll“ wieder in etwas Wertvolles zu verwandeln, sollte der Staat endlich Anteile an den Banken kaufen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Krugman, ein scharfer Kritiker neoliberaler Wirtschaftpolitik, ist kein verkappter Kommunist. Eine Verstaatlichung der Banken kann nicht das Ziel sein. Aber angesichts des gigantischen Ausmaßes der Krise und dem unverantwortlichen Gebahren der Finanzwirtschaft empfiehlt der Nobelpreisträger, dass die Regierungen befristet die Kontrolle über die Banken übernehmen – und zwar koordiniert in internationaler Zusammenarbeit. Dieser Lösung stünden jedoch nicht zuletzt ideologische Gründe der amtierenden US-Regierung entgegen.

In seiner Kolumne vom 13. Oktober sind dann zwei Töne deutlich zu spüren – Erstaunen und Erleichterung: Einzig Gordon Brown bewies die „Bereitschaft, klar über die Finanzkrise nachzudenken und auf der Grundlage der Schlüsse unverzüglich zu handeln“. Mit ihrer Entscheidung, 640 Milliarden Euro bereitzustellen um die Banken zu stützen, „drang [die britische Regierung] direkt zum Kern des Problems vor“.

Am Sonntag haben sich die Regierungen der Euro-Zone auf ihrem Gipfel in Paris auf eine koordinierte Strategie nach britischem Beispiel geeinigt. Kurz darauf ist die US-Regierung umgeschwenkt: US-Notenbankchef Ben Bernanke gab bekannt, die Banken mit 250 Milliarden Dollar stützen zu wollen.

Gegenüber dem US-Rundfunksender National Public Radio gab der Nobelpreisträger am Sonntag übrigens zu, vom Ausmaß der Krise schlicht überrascht worden zu sein. „Ich habe vorhergesehen, dass die Blase platzen und dass es viel Wehklagen geben werde, aber nicht, wie groß das Wehklagen sein wird.“

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