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Generation Facebook: Alles ist öffentlich

Wer sich ins Internet begibt, hinterlässt meist Spuren. Fast nirgends jedoch entblößen sich User so bereitwillig und exzessiv wie in Social Networks. In Facebook erreicht der Online-Exhibitionismus indes eine neue Qualität: Von Handynummern bis Bikini-Fotos wird so ziemlich alles feilgeboten. Privatheit war gestern - die Generation Web breitet ihr Leben vor der Community aus. Ein Überblick über die neue Kultur der Selbstinszenierung.

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Scott McNealy war seiner Zeit voraus. „Es gibt keine Privatsphäre mehr. Null“, erklärte die Ikone der Hightechbranche dem Branchenblatt „Red Herring“ einst. Und schickte als gut gemeinten Ratschlag hinterher: „Stellen Sie sich darauf ein!“ Das war Ende der 90er, als McNealy und sein Serverhersteller Sun noch ein großer Stern waren.

Fast ein Jahrzehnt später haben sich die Zeiten geändert – oder auch nicht. Zwar scheint es, als wäre McNealy von der Branche wie von der Börse längst vergessen worden. Seine visionäre Einschätzung hat jedoch längst Einzug in den Alltag gehalten. Mehr noch: Sie ist zum Lebensgefühl einer Generation geworden, die es kaum erwarten kann, sich das Shirt vom Leib zu reißen – und dabei fotografiert zu werden.   

Öffentliches Liebesleben: Heiße Mitglieder für eine heiße Website

„Statt miteinander zu feiern, fotografiert sich die Verwandtschaft lieber beim Fotografieren, um dann  anschließend die digitalen Fotos zu bestaunen“, brachte Der Spiegel  in seiner Titelgeschichte „Macht das Internet dumm“ das seltsame Inszenierungs-Ritual, das immer öfter zu beobachten ist, vor wenigen Wochen auf den Punkt. „Sie sind alle irgendwie anwesend, dabei, solange sich nicht jener abwesende Blick in die Augen legt, der die Verbindung mit einem anderen, virtuellen Kosmos signalisiert.“

Einem Kosmos wie Facebook. Hier trifft sich eine junge, weltoffene Generation, die die Vorzüge des digitalen Leben längst so selbstverständlich wie eine Latte Macchiato verschlingt, immer öfter. Mehr noch: Sie prägt die heißeste Seite im Web, die – buchstäblich – am Ende des Tages schließlich nur so heiß sein kann wie ihre Mitglieder. Und die sind ziemlich heiß: „Baby, you make me feel hot“, schreibt etwa die 24-jährige Mexikanerin Luisa*, die dann in ihren Profilbildern auch keinen Zweifel daran lässt, wie sie das meint. Mal sieht man sie im BH, mal im Top, mal im tief ausgeschnittenen Dekolleté mit dem verführerischsten Blick, den eine lateinamerikanische Schönheit aufsetzen kann – oder was sie dafür hält.

Immerhin: Nach einigen Monaten offensivsten Online-Werbens hat sie Erfolg gehabt: Luisa ist nicht mehr Single – und lässt das jeden wissen: „…is close to happiness“ lautete das vorerst letzte Status-Update. Wer der Glückliche ist, teilt sie auch allen ihrer mehr als 200 Freunde ihres Netzwerks via Beziehungsstatus mit: „Luisa ist in einer Beziehung mit… “

Statusupdate an alle: Änderung von „in einer Beziehung“ zu „Es ist kompliziert“

So geht das häufiger in Facebook: „….hat ihren Beziehungsstatus von „in einer Beziehung“ zu „Es ist kompliziert“ geändert“ ist da etwa im News-Feed einer thailändischen Facebook-Userin zu lesen. Bei einer indonesischen Facebookerin ist dagegen schon alles vorüber – und ihr ganzes Netzwerk erfährt davon, denn ihr „Beziehungsstatus“ hat sich “ von „in einer Beziehung“ zu „Single“ geändert“. Entsprechend „niedergeschlagen“ fühlt sich die südostasiatische Schönheit dann auch, heitert sich dann aber damit auf, dass sie „ins Kino geht, um sich einen Film von sich selbst anzusehen“.   

Großes Kino ist das! Lieben, leiden und leben: Solche Geschichten schreibt das Leben. In der Ära des Web 2.0 übernehmen das User jedoch gleich selbst. Mit welcher Inbrunst und Selbstverständlichkeit sie ihre eigene Geschichte erzählen – oder inszenieren, was keinesfalls immer dasselbe ist – macht selbst ihren Gründer stutzig. „Als wir anfingen, überraschte es uns wirklich, wie viele private Informationen die Menschen auf der Website freiwillig preisgeben wollten“, erzählt Mark Zuckerberg gegenüber dem Lifestyle-Magazin Vanity Fair.

Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen für eine individualisierte Inszenierung

„Vor dreieinhalb Jahren war es nicht einmal üblich, den echten Vor- und Nachnamen online zu benutzen. Doch die Leute wollten sich mitteilen, und mehr als 25 Prozent hinterlegten sogar ungefragt ihre Handynummern“. Um nur allzu gutgläubige User vor ihrem Aktionismus zu schützen, verfeinerte Facebook die Datenschutzanforderungen.    

„Wir entwickelten dementsprechende Sicherheitsmaßnahmen, um jeglichem Missbrauch vorzubeugen. Heute kann man bei Facebook sehr genau bestimmen, wer welche Information zu sehen bekommt. Man kann sein Profil beispielsweise so einrichten, dass alle Freunde auf die letzten Urlaubsfotos Zugriff haben, jedoch nicht die Eltern“, erklärt Zuckerberg den Clou.

Trotzdem machen davon längst nicht alle User Gebrauch. Viele Profile lesen sich weiter wie ein offenes Buch voller dauergrinsender Gesichter, das Facebook heißt. „Es ist unglaublich“, findet Marina* aus Moskau: „Facebook ist besser als Fernsehen! Manchmal klicke ich stundenlang durch die Profile – von einem Fotoalbum zum nächsten, obwohl ich die Sprache gar nicht verstehe“, erklärt das russische Nachwuchsmodel, das in London lebt. Damit liegt sie voll im Trend: Facebook hat seine eigene Sprache gefunden – und sie könnte internationaler kaum sein.

* Namen aus Rücksicht auf die Privatsphäre der User geändert

Wie global das große soziale Netzwerk inzwischen umspannt ist, lesen Sie im nächsten Teil 

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