Dotcom-Party: Abgesang auf eine Ära

"Feiern, während Rom brennt": So kommentierte die Branchenbibel TechCrunch das unfassbar skurrile Ferienvideo von Google-, Apple- und Facebook-Mitarbeitern aus Zypern. Schon jetzt gilt der Vier-Minüter im Web als Kultclip – nämlich als definitiver Abgesang der Web 2.0-Ära in Crash-Zeiten. In den USA sind Google & Co. not amused: Partystimmung passt nicht zu Massenentlassungen im Silicon Valley. Kein Wunder, dass der Clip nach 40.000 Abrufen von YouTube verschwand. MEEDIA hat das Video im Netz aufgespürt.

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Es sind Szenen wie aus „Less than Zero“, „Beverly Hills 90210“, „Melrose Place“ oder „O.C, California“: Ein opulenter Pool, eine weiße Villa und jede Menge gut gebräunter Mittzwanziger – das gute Leben also. Doch statt Kayne West, Rihanna oder Beyoncé liefert eine abgehalfterte 80er-Band den Soundtrack, zu dem die Protagonisten ihre Lippen bewegen: „Just a small town girl, livin in a lonely world / She took the midnight train goin anywhere / Just a city boy, born and raised in south detroit /He took the midnight train goin anywhere“

So klingen Popstar-Träume. 27 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Journeys Power-Ballade „Don’t stop believing“ hat sich daran offenbar wenig geändert – bis auf die Frisuren. 20 Helden des Web 2.0 folgten dem Motto und ließen es vorige Woche auf Zypern richtig krachen: „20 World Internet citizens met in the Turkish Republic of Northern Cyprus in October of 2008 for a week of reflections on life, love, and the Internet“, lautete der programmatische Arbeitstitel der selbst gewählten Fortbildungsreise.

Mitreisende: Brittany Bohnet von Google, Jessica Bigarel von Apple, Dave Morin und Aaron Sittig von Facebook, Sam Lessin von Drop.io und seine Freundin Jessica Vascellaro, die niemand anderes ist als Technologiereporterin des „Wall Street Journals“  – und wahrscheinlich vertiefende Hintergrundrecherche im Sinn hatte….

„Dieses Video wird für immer mit dem Ende der Web 2.0-Ära in Verbindung stehen“

Das bemerkenswerte Ergebnis ihrer Urlaubswoche, die – wie sollte es im Web 2.0-Zeitalter anders sein – ziemlich genau in Wort und Bild dokumentiert wurde, ist ein Video, das eigentlich privat bleiben sollte. Inhalt: Das Leben ist eine einzige Party, selbst wenn nebenbei die ganze Welt im Zuge der Finanzmarktkrise und des Börsencrashs im Begriff ist, mit 180 Sachen gegen die Wand zu fahren.

Pietätlos findet die neidische Web 2.0-Meute die minutiös einstudierte Inszenierung von Journeys „Don’t stop believing“, die sich nach dem Aufspüren des Videos auf TechCrunch das Maul zerreißt. „Team Cyprus: Alcohol + Bad Judgement + Really Poor Timing“, fällt TechCrunch-Gründer Michael Arrington in gewohnt prägnanter Weise sein vernichtendes Urteil. „Während Rom brennt, tanzt das Team Cyprus. Dieses Video wird für immer mit dem Ende der Web 2.0-Ära in Verbindung stehen“, glaubt der 37-jährige Internet-Entrepreneur.

Die „Buddies“ leben „la vida camp cyprus“

Ob das den Protagonisten wirklich bewusst war oder nicht – so wirklich ernst meinten es die Silicon Valley-Urlauber in Old Europe nicht mit der Privatsphäre. „In London, flight delayed to Cyprus. Grrrrr… „, lässt das durchaus ansehnliche Google-Girl Brittany Bohnet ihre 2107-Follower starke Fangemeinde auf Twitter wissen. „Wall Street Journal“-Reportin Jessica Vascellaro will da in nichts nachstehen: „is on her way to Cyprus with some buddies“, schreibt sie zeitgleich am vorvergangenen Freitag, den 3. Oktober. Die Party kann also beginnen! Drei Tage später ist sie noch voll im Gange: Die „Buddies“  leben „la vida camp cyprus“.

Am nächsten Tag führt das lockere Leben schließlich zu jenem erstaunlichen medialen Ergebnis, das jetzt im Web kursiert. „Won’t stop believing“ lesen Jessica Vascellaros 468 Follower auf Twitter schließlich am Donnerstag, den 7. Oktober um 09:27. Keine Frage: Das „Team Cyprus“ dreht gerade den epischen Lip-Sync-Clip zu Journeys 80er-Jahre Schmachfetzen. Jungs mit nacktem, stets durchtrainierten Oberkörper posen, die Mädels, uniform in Badeanzüge gezwängt, die aus einem Robert Palmer-Video stammen könnten, üben sich in seltsamen Pool-Formationen. Unfassbar, das alles!

Entgeisterte User: „Was für ein Haufen Volltrottel“

Mehr noch jedoch dies: Wenig später landet der 3:53-Minuten lange Clip auf dem nicht gerade unbekannten Videoportal Vimeo und war zunächst nicht passwortgeschützt. Erst nachträglich wurde der Clip privat. Zu spät: Das omnipräsente Web 2.0 hatte den Clip längst auf YouTube gestellt.

Die Reaktionen fallen zum Teil wüst aus. „So was macht die ‚Tech-Elite’ aus Spaß in ihren Ferien. Man, wie erbärmlich!“, schreibt ein User. „Was für ein Haufen Volltrottel“, ein anderer. „Die meisten werden in zwei bis drei Monaten arbeitslos sein. Sollen sie doch an etwas glauben und ihre Köpfe in den Sand stecken – in Zypern…“ Wieder ein anderer Forumsgast ereifert sich: „Das Rose Bowl Stadium in Pasadena wäre nicht groß genug für diese Narzissten!“

Tatsächlich bemerkenswert sind der Eifer und die Detailverliebtheit, mit der die zwanzig Internet-Aficionados bei ihrem Videodreh zu Werke gehen. Jeder, der einmal auf Fotos oder Videos für imaginäre Online-Freunde gelächelt hat, weiß, wie zeitaufwendig es ist, immer und immer wieder dieselben Einstellungen bis zur Perfektion zu üben – das Video, das ohne Schnitt daherkommt, wirkt dabei wie eine einzige fehlerfreie, perfekte Show.

Konsequent: Protagonisten der Web 2.0-Ära leben ihre Arbeit im Urlaub

Im Grunde nämlich machen die eigentlichen Protagonisten der Web 2.0-Ära im Urlaub genau das im großen Stil, was sie ihren Millionen Kunden in den Social Networks rund um den Erdball in ihrem Arbeitsalltag erst ermöglichen: Nämlich sich selbst inszenieren.

Verwerflich, da sollten einige auf Krawall gebürstete User vielleicht einen Gang herunterschalten, ist das keinesfalls. Schließlich handelt es sich um eine einwöchige Europa-Reise von 20s-Somethings, die mit großer Wahrscheinlichkeit aus eigener Tasche bezahlt wurde – und nicht um das Verjuxen von Aktionärsgeldern mitten im größten Börsencrash.

Dass die nämlich untergeordnet doch auch eine Rolle spielten, wird am Twitterposting von Facebooks David Morin deutlich: „Dow at 8200? O.M.G.“  twittert der besorgte Senior Platform Manager am vergangenen Freitag, als der traditionsreichste Index der Welt gänzlich zusammenzubrechen drohte. Da sah wohl jemand seine Felle davonschwimmen…

Späte Reue: Kultclip bei YouTube plötzlich gelöscht – zensiert Google?

Das gilt auch in anderer Hinsicht. Nach drei Tagen auf YouTube (Arbeitstitel: „Official Bursting of Web 2.0 bubble video: ACTUAL business model can raise capital and make money and let their founders take sweet vacations with a bunch of hot girls in Cyprus“) mit mehr als 40.000 Abrufen verschwand das Kultvideo ab Montagabend deutscher Zeit plötzlich aus dem Internet. Späte Reue – oder externer Druck? Vor allem die „Wall Street Journal“-Reporterin Jessica Vascellaro dürfte von ihrem Arbeitgeber ordentlich Schelte bekommen haben. Das hauseigene Blog „All Things Digital“ zog jedenfalls mächtig gegen das Geek Girl vom Leder: „well, um, eek, bad idea, awkward!“ schrieb Starbloggerin Kara Swisher in Parenthese.

Ein unangenehmes Geschmäckle entsteht damit: Das weltweit führende Videoportal YouTube, das bekanntlich seit Herbst 2006 zum Online-Dominator Google gehört, löschte den Eintrag. Wirklich ganz freiwillig, nachdem das Video auf allen großen Technologieseiten verlinkt worden ist? Oder um Web 2.0-Sternchen Brittany Bohnet, die bei Google im Bereich „Product Marketing“ arbeitet und mit ihrem – realen – Facebook-Freund David Morin als „heißestes Paar des Silicon Valley“ gilt („Valleywag“), zu schützen?

Das Web 2.0 zensiert also seine Kinder? Nicht bei uns! MEEDIA hat den Kultclip in den Weiten des WWWs aufgespürt, um ihn Ihnen zu präsentieren – exklusiv im deutschen Internet. Viel Spaß bei der Ode an die Selbstinszenierung, die die Quintessenz der Ära zu 80er-Lyrics auf den Punkt bringt:

Working hard to get my fill
Everybody wants a thrill
Payin anything to roll the dice
Just one more time
Some will win, some will lose
Some were born to sing the blues
Oh, the movie never ends
It goes on and on and on and on

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