Vom Studi-Netz zur Community Nummer 1

Es ist die bislang wohl größte Erfolgsgeschichte der Web 2.0-Ära. Gerade einmal viereinhalb Jahre nach dem Start als Studenten-Community ist Facebook zum größten sozialen Netzwerk unserer Zeit aufgestiegen, das rund um den Globus genutzt wird. Dabei wollte Harvard-Student Mark Zuckerberg zunächst nur bekannte Gesichter auf dem Campus bewerten. Über Nacht wurde sein Network zum Hype: erst an den Unis, dann in der ganzen Welt.

Anzeige

Vielleicht ist am Ende alles einfach eine Frage der Eitelkeit. Für Mark Zuckerberg, heute der jüngste Milliardär unter 25 Jahren, trifft das wohl fraglos zu. Keine sechs Jahre ist es her, da spielte der Harvard-Neuling, im Campus-Alltag eher im Abseits, an einer Website herum, die die anderen Studenten miteinander vergleichen sollte.

Was war in einer Welt der ständigen Positionierungs- und Balzkämpfe um Karriere und Frauen schließlich naheliegender? Konkurrieren, vergleichen, bewerten  – so funktioniert der US-Alltag. Erst recht an den kontaktfreudigen amerikanischen Elite-Universitäten. Kein Wunder also, dass sich Zuckerbergs Website, für die er mal eben das Datenverzeichnis von Harvard gehackt hatte, auf dem Campus wie ein Lauffeuer verbreite. Facemash.com nannte er sein kleines Ego-Projekt, mit dem er den Studentenbetrieb gehörig aufmischte: 450 Kommilitonen waren sofort nach der ersten Nacht registriert.

Am nächsten Tag jedoch erlebte Zuckerberg gleich doppelt ein böses Erwachen: Das erste, was der damals 19-jährige Student in seinem dritten Harvard-Semester an jenem Morgen auf dem Bildschirm sah, war, was er nicht sah: Facemash war offline. Dafür quoll seine Mailbox über. Eine Mail kam direkt vom Verwaltungsrat der Universität, die ihn zur Anhörung zitierte. Gerade ein Jahr in Harvard, stand Zuckerberg kurz vor dem Rausschmiss.

Vernetzte Freunde im Internet: Eine Idee, viele Nachahmer

Facemash.com starb einen schnellen Tod, die Idee einer vernetzten Freundesliste indes blieb. Tatsächlich kursierten im Herbst 2003 quer durch die amerikanische Uni-Szene hochfliegende Pläne des next big things. Befeuert vom Erfolg des Pioniers Friendster.com schossen soziale Netzwerke förmlich ins Web: Eines davon war die Harvard-Connection der Erstsemestler Tyler und Cameron Winklevoss, die die Idee eines richtigen Netzwerks weitersponnen. Für die Programmierung wollten die Brüder die Campus-Berühmtheit Zuckerberg engagieren. 

Doch dazu kam es jedoch nie. Der umtriebige Programmierer vertröstete die Winklevoss-Zwillinge mehr als zwei Monate und arbeitete stattdessen selber an einem Social Network, das er thefacebook.com nannte. Bis heute herrscht ein erbitterter Streit zwischen Winklevoss und Zuckerberg, der inzwischen vor Gericht gelandet ist. Die Mit-Studenten werfen Zuckerberg in ihrer Anklage vor, er habe ihre Idee gestohlen: „Er hat uns alle grandios übers Ohr gehauen“, zitiert das Rolling Stone Magazine Divya Narenda, der mit den Winklevoss’ die Harvard-Connection ins Leben rufen wollte.


Heute jedoch redet jeder nur noch über Facebook. Am 4. Februar 2004 erblickte die Website, an der Zuckerberg inzwischen mit seinen Freunden Eduardo Saverin, Adam D’Angelo und Dustin Moskovitz programmierte, das Licht der Welt. Bereits nach zwei Wochen war klar, dass Zuckerberg der große Wurf gelungen war: 4000 Studenten hatten sich praktisch über Nacht registriert. Der Hype sprang schnell an andere Ostküsten-Unis wie Stanford, Columbia oder Yale über. Ende Mai, als das Semester endete, zählte Facebook bereits über 200.000 User an 30 Hochschulen in den USA. Heute sind unglaubliche 95 Prozent aller US-amerikanischen Highschool-Schüler und College-Studenten in Facebook eingetragen.

Neue Phase in der Unternehmensgeschichte: Öffnung für jedermann

Der Erfolg sollte nicht abebben. Im Gegenteil: Der Zustrom war gigantisch. Nach rund zwei Jahren waren mehr als 8 Millionen Studenten und Schüler in Facebook vertreten. Interessenten wie Yahoo waren bereit, für das boomende Studentennetzwerk einen Kaufpreis von bis zu einer Milliarde Dollar hinzublättern – doch Mark Zuckerberg lehnte ab: „Ich bin hier, um langfristig etwas aufzubauen“, erklärter der New Yorker, der inzwischen das Studium geschmissen hatte, immer wieder.

Er hatte Größeres im Sinn. Was das war, ließ Zuckerberg gegenüber Freunden immer wieder durchblicken. „Ich will das neue MTV werden“, lautete das Ziel. Doch bis dato war Facebook nur eine Studentenveranstaltung. Zwar die erfolgreichste, die es bisher im Internet gegeben hatte – doch die Popkultur spielte sich woanders ab. Etwa im anderen boomenden Social Network MySpace, das mit der Übernahme durch den Medientycoon Rupert Murdoch rechts an ihnen vorbeigezogen war. 60 Millionen User tummelten sich im Sommer 2006 bereits auf den quietschbunten Mikro-Homepages, die mit Musik-Fetzen unterlegt waren.

Zuckerberg gefiel das nicht – weder die pure Größe, noch, was sich dort abspielte. Er wollte weiter den Ikea-seriösen Gegenentwurf zum rotzig HipHop-esquen MySpace liefern, doch diesmal für jedermann. Entsprechend fiel die Mauer der Exklusivität, die Zuckerberg seit dem Launch im Februar 2004 Schritt für Schritt eingerissen hatte, nun ganz. War die boomende Community exklusiv zunächst nur Harvard-Studenten, dann Studenten der Ostküste, dann der ganzen USA und schließlich auch allen Schülern der USA ab 13 Jahren vorbehalten, so waren nun zunächst auch Firmen – und dann die ganze Welt eingeladen.

„Die Menschen haben echte Beziehungen in der Welt da draußen“

Doch noch war Facebook einfach ein Netzwerk, bei dem Freunde ihre Kontakte sammeln und verwalten konnten. Das eigentliche Potenzial, das im Medium und in der Community steckte, hatte Facebook noch nicht ausgespielt. Dieses Potenzial umschrieb Zuckerberg vor zwei Jahren, als der größte und kritischste Umbauprozess in der Geschichte des noch jungen Startups bevorstand, wie folgt: „Unsere eigentliche Unternehmensphilosophie ist, dass die Menschen echte Beziehungen in der Welt da draußen haben“, diktierte der heute 24-Jährige dem Time Magazine in einem Exklusiv-Interview. Facebook war demnach ein „soziales Diagramm“ unserer Welt.

Doch die Welt verändert sich schnell. Es ist die Welt des Web 2.0 – und Facebook war der Spieler, der eine Schlüsselqualität mitbrachte, an der es so vielen sozialen Netzwerken mangelte. Gerade weil es aus dem elitären Harvard hervorgegangen war, hatte sich neben dem uramerikanischen Wettbewerbsgedanken auch eine Kultur der Glaubwürdigkeit etabliert. Vielleicht kamen die Facebook-Mitglieder manchmal ein bisschen aufschneiderisch und manchmal ein bisschen zu betont selbstzufrieden daher – aber sie waren am Ende des Tages alle echt!

Der Eintrag mit Vor- und Nachnamen wurde zur Beitrittsgrundlage. „Eine Verzerrung des realen Ichs ist eine Verletzung der AGBs“, brachte das Time Magazine die stillschweigenden Nutzungsbedingungen des Netzwerks auf den Punkt. Ein Klick in Google reichte schließlich, um die Authentizität seines Facebook-Freundes zu überprüfen. Das konnte man von den inflationären Selbstdarstellern auf MySpace, die gerne mit einem Kürzel oder gar Pseudonym daher kamen, nicht unbedingt behaupten.

Smarter Schachzug: Vom Social Network zur Social Utility

Die nächste Aufgabe bestand nun darin, die ständig wachsenden Mitglieder nicht nur zusammenzuführen, sondern ihnen eine Plattform zu geben, auf der sie ihr Leben noch effektiver miteinander vernetzen konnten. „Die Menschen kommunizieren auf höchst natürliche Weise mit ihren Freunden und Bekannten“, erklärt Zuckerberg Time. „Wenn wir diese Kommunikationsweisen ins Internet übertragen, könnten wir Applikationen erschaffen, mit denen die Menschen Informationen, Photos und Videos miteinander teilen“, gab Zuckerberg die neue Unternehmensmaxime aus.

Im ersten Schritt führte das Facebook-Team einen News-Feed ein, durch den alle Mitglieder über die neusten Aktivitäten ihrer Facebook-Freunde innerhalb ihres Netzwerks informiert wurden. Es folgte eine Einbindung von Foto-Elementen, wie User sie aus der beliebten Fotosharing-Community Flickr gewohnt waren. Auch Video-Elemente von YouTube konnten wenig später eingebunden werden. Facebook war auf dem besten Wege, sich zu einem Netzwerk zu entwickeln, das die besten aller Welten des Web 2.0 vereinte.   

Mark Zuckerberg wollte unterdessen noch einen Schritt weitergehen und verkündete im Mai 2007 einen nahezu revolutionären Beschluss – sich nämlich für Entwickler zu öffnen, die ab sofort für Facebook Applikationen schreiben durften. „Wir wollen Facebook zu so etwas wie einem Betriebssystem machen, auf dem unzählige Programme laufen“, erklärte der junge Facebook-CEO die einschneidenden Veränderungen. Facebook wandele sich daher vom Social Network zur Social Utility.

„Einer der größten Meilensteine in der Technologiebranche in diesem Jahrzehnt“

Der riskante Eingriff ins Herz von Facebook gelang nicht nur – er machte die beliebte US-Site vitaler denn je. Der frühere Netscape-Gründer Marc Andreesen nannte Facebooks Transformation in seinem Blog „einen der größten Meilensteine in der Technologiebranche in diesem Jahrzehnt“.

Der Ritterschlag der Wall Street sollte wenig später folgen. Im Herbst 2007 wurde nicht nur bekannt, dass der Software-Riese Microsoft einen langfristigen Werbe-Deal mit Facebook einging – der Dow Jones-Konzern investierte auch gleich 240 Millionen Dollar in den Emporkömmling aus dem Silicon Valley. Dafür erstand das höchst bewertete Technologieunternehmen jedoch gerade einmal 1,6 Prozent der Firmenanteile: Facebook wurde damit rein rechnerisch mit enormen 15 Milliarden Dollar bewertet. 

Das sind imposante Vorschusslorbeeren für ein gerade einmal 4,5 Jahre altes Startup. Doch fast scheint es, als sollte der Siegeszug der „heißesten Plattform im Web“ (Wired) kaum aufzuhalten sein. Vor wenigen Wochen erst wurde bekannt, dass Facebook nun auch faktisch auf dem Thron angekommen ist: Mit inzwischen 132 Millionen Besuchern überholte Facebook MySpace im Juni erstmals.        

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige