Google: „Grossist der Nachrichten-Sites“

Am Montagabend versammelten sich in Hamburg die Chefredakteure von Zeit Online, Bild.de, Sueddeutsche.de und Tagesschau.de. Man war sich einig: Google setzt die Redaktionen zunehmend unter Druck, der Bewegtbildsektor boomt, und schwarze Zahlen werden längst nicht überall geschrieben. Zeit Online-Chefredakteur Wolfgang Blau brachte die Lage der Top-Portale auf den Punkt: "Google hat sich zum Grossisten der Nachrichten-Websites entwickelt."

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„Unsere Leser sind schlauer!“ Dieser kleine Seitenhieb des Zeit-Online-Chefs gegen seinen Kollegen von Bild.de blieb am gestrigen Abend der einzige Ausreißer in der als Streitgespräch geplanten „Elefantenrunde“ im Hamburger Hotel Park Hyatt.
Auch, wenn der Begriff aus der Regierungszeit von Kanzler Kohl etwas aus der Mode gekommen ist, trifft er auf die Schwergewichte der deutschen Nachrichtenportal-Szene zu.

Der Hamburger Presseclub lud ein. Es kamen: Wolfgang Blau, Chefredakteur Zeit Online, Manfred Hart, Chefredakteur Bild.de, Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur Sueddeutsche.de und Jörg Sadrozinski, seines Zeichens Redaktionsleiter von Tagesschau.de. Allerdings war man sich gleich zu Beginn einig: Gestritten werden muss nicht. Mit Online gehe es ja schließlich bergauf. Und wie fast schon zu erwarten, drehte sich die Diskussion dann um das Tool, das für Online-Redaktionen Segen und Fluch zugleich ist: Google.

Die einstige Suchmaschine habe sich zum „Grossisten der Nachrichtenwebsites“ entwickelt, so Zeit-Online-Chef Blau. Google sorgt zwar für konstante Visits auf der Seite, einen Verantwortlichen dafür zu finden, sei allerdings schwer. Viele User nutzen Google als täglichen Einstieg in das Internet. So wundert es ihn auch nicht, dass viele User nach „www.zeit.de“ suchen würden, um Zeit Online einen Besuch abzustatten.

Bild.de-Chef Hart ärgerte sich vor allem über Google News. Der automatische News-Aggregator wird nicht von Menschen verwaltet, sondern generiert und listet nach dem StoryRank-Algorithmus, verwandt zu Googles PageRank, Meldungen von Nachrichtenseiten. Allerdings hätte das, was GoogleNews als News der Stunde verkaufe, fast nie etwas mit aktuellen News zu tun. So würden teilweise Tickermeldungen gelistet, lange Artikel zum selben Thema hingegen würden bei GoogleNews oft fehlen. Deswegen müsse man sich entscheiden, ob man ständig versuchen will, den Google-Algorithmus auszutricksen oder seinen Lesern vernünftige News zu bieten.

Tagesschau.de-Redaktionsleiter Sadrozinski erntete Kritik von Hart für sein Bestreben, auch ständig neue Texte zu liefern. Schließlich habe Tagesschau.de seinen Ursprung  im Fernsehsektor. Sadrozinski verwies wiederum auf das Telemediengesetz. Tagesschau.de gehöre zu den Telemedien, für die ganz andere Maßstäbe gelten würden. Und so kam die Runde dann doch wieder auf Google zu sprechen, genauer die „Google-Quote“. Ähnlich der Zuschauerquote bräuchte jedes Onlineportal ein bestimmten Prozentsatz von Visits, die über Google akquiriert werden. Allerdings sei das Einfallstor für allerlei Zahlentricks, so Blau: Per Rückdatierung von dpa-Tickermeldungen glaube Google beispielsweise, dass die Nachricht auf der betreffenden Seite zuerst erschienen ist und schiebt diese höher in seiner Rankingliste. Ein anderer Trick sei die Übernahme von Adhoc-Meldungen, um die Seite mit Content zu füllen. Das sei, so Blau, zwar meist für den Laien unverständliches Börsenkauderwelsch, würde aber durch das massive Veröffentlichen von Content wiederum Googles PageRank austricksen.

Immerhin kamen die Online-Chefs dann doch noch auf aktuelles Lieblingsthema zu sprechen: Bewegtbild im Internet. Laut Hart sei es für die Redakteure von Bild.de mittlerweile selbstverständlich, neben Texten auch noch schnell Podcasts und kleine Videos  zu liefern. Auf Sueddeutsche.de hält man sich lieber bedeckt, was die Produktion von Videos angehe. „Was wir können, ist  schöne Texte zu schreiben. Darauf sollte man sich erstmal besinnen“, so Jakobs. Die Übernahme von fertigem Fernsehmaterial, so wie Zeit Online Beiträge vom ZDF für die eigene Seite verwendet, verwarf Hart für sein Medium: „Wir machen Boulevard. Da können wir mit solchen Stücken nichts anfangen. Wir müssen das selbst produzieren, das ist teuer, aber die Zugriffszahlen sind vielversprechend.“

Ein richtiges Streitgespräch wollte sich also nicht so recht entwickeln. So stellte Moderator und Presseclub-Vorstand Klaus Ebert abschließend die Frage, was denn nun die gemeinsame Währung im Internet sei: Page Impressions? Visits? Reichweite oder doch die Verweildauer? Auch hier mündete die Diskussion wieder in ein Google-Bashing, da letzten Endes viele Page Impressions dafür sorgen, dass die eigene Seite öfter von Google PageRank erfasst wird. So sorgt Google wiederum für hohe Reichweiten und höhere Werbepreise.
Gutes Geld ließe sich zurzeit nur mit Service-Angeboten verdienen, so Blau. Während man auf Sueddeutsche.de nach eigenen Angaben schon Gewinne einfährt, sei man beim Online-Auftritt der Zeit noch lange nicht in den schwarzen Zahlen. Doch man ist sich einig: Mit Online-Journalismus lässt sich Geld verdienen. Aber längst nicht so schnell, wie ursprünglich erwartet.

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