„Die Zeit“ startet Literatur-Magazin

Print lebt! Pünktlich zur Buchmesse stellt die „Zeit“ ihre neueste Auskopplung vor: „Zeit Literatur“. Lange gab es keine erfolgreiche Literaturzeitschrift im Land der Dichter und Denker. Das wollen die beiden erfahrenen Kenner Florian Illies und Ulrich Greiner nun ändern. „Wir haben versucht, ein dezidiert anderes Magazin zu machen“, erklärt Illies. Das ist gelungen, zumal das Heft in zweierlei Formaten erscheint: als Papierbeilage in der „Zeit“ und als Hardcover-Ausgabe am Kiosk.

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Anders ist auch die Titelseite, für die der Schriftsteller Ingo Schulze eigens eine Kurzgeschichte verfasst hat: „Darwin, ab ins Körbchen“. Diese bezieht sich auf das Foto, das etwas höher auf dem Titel prangt und einen Cocker-Spaniel Namens Darwin mit Sonnenbrille und Schleifchen im Fell zeigt. „Eine Anspielung auf das Darwin-Jahr“, erklärt Greiner, ohne sich dabei ein Schmunzeln verkneifen zu können.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Titelseite hatte Art Director Mirko Borsche, der Illies und Greiner bei der Entwicklung des Titels tatkräftig unterstützt hat. Die Zusammenarbeit bei „Zeit Literatur“ sei ohnehin sehr fruchtbar gewesen, erklärten die Verantwortlichen. Keine falschen Eitelkeiten und keine Probleme mit dem Generationenunterschied: „Immerhin sind wir im selben Jahrtausend geboren“, flachste Greiner, der seit sehr langer Zeit das „Literaturressort“ der „Zeit“ leitet. Er hat für die neue Zeitschrift gleich seine ganze Mannschaft mitgebracht, um die Synergieeffekte mit Illies, der einschlägige Erfahrungen als Magazin-Macher („Monopol“) vorweisen kann, zu nutzen.

Inhaltlich hat die erste Ausgabe Hochkarätiges zu bieten. Nobelpreisträger Orhan Pamuk erzählt anlässlich des Buchmesse-Schwerpunkts Türkei, wie er vom Bücherwurm selbst zum Schriftsteller wurde. Durs Grünbein rezensiert die Neuübersetzung von T. S. Eliots Jahrhundert-Gedicht „The Waste Land“. Beide Texte werden durch Fotografien illustriert, die „die Geschichten inszenieren sollen“, wie Illies erklärt. Für das Titelfoto und den Grünbein Essay konnte man den prominenten Magnum-Fotografen Martin Parr Fotografen gewinnen.

Trotz des klaren Bekenntnisses zum Printtitel werden bestimmte Inhalte auch auf dem Online-Portal angeboten. Das Ergebnis einer Umfrage unter 25 Schriftstellern, wer den diesjährigen Literatur-Nobelpreis verdient hätte, wird auch auf Zeit Online zu lesen sein. „Wir wollen künftig mit interaktiven Angeboten, die Leser bzw. User teilhaben lassen“, blickt „Zeit“-Chefredakteur Di Lorenzo in die nahe Zukunft. „Gerade was die Zusammenarbeit mit der Online-Redaktion angeht, wird da noch einiges kommen“, ergänzt Illies. Man darf gespannt sein, zumal mit Harald Martenstein einer der beiden etatmäßigen Kolumnisten von „Zeit Literatur“ als Video-Blogger regelmäßig über deutsche Bildschirme flimmert. Als zweiter Kolumnist sinniert Harry Rowohlt in „Lost in Translation“ über das Los des Übersetzers.

Insgesamt ist den Machern ein innovatives Magazin gelungen, dass sogar in Zeiten der Werbekrise ausreichend mit Anzeigen versorgt ist. „Für den Verlag steht die Rendite nicht an erster Stelle“, sagt Di Lorenzo. „Wir haben im Anzeigenmarkt für Bücher und Verlage immer eine Spitzenposition gehabt und diese in den letzten Jahren eher ausgebaut. Diese Führungsstellung wollen wir beibehalten“, ergänzt Greiner und fügt hinzu: „Obwohl das Gesamtvolumen des Anzeigenmarkts natürlich nicht steigt, sondern stagniert.“

„Die ‚Zeit’ hat ihre Magazine immer gegen den Trend gestartet“, erklärt Di Lorenzo. Der Erfolg von „Zeit Campus“ gibt ihm recht, immerhin rechnet der Verlag im zweiten Jahr mit dem Break Even. Ob der Mut auch bei „Zeit Literatur“ belohnt wird, bleibt abzuwarten. Das Heft erscheint viermal im Jahr. Die nächste Ausgabe kommt kurz vor Weihnachten. 602.269 Exemplare liegen als kostenloses Papierformat in der „Zeit“ bei und weitere 30.000 Exemplare stehen als Hardcoverformat im Zeitschriftenregal – Kostenpunkt: fünf Euro.

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