Apple: iReport-Skandal – das kranke Spiel mit Steve Jobs’ Gesundheit

Die Meldung flatterte am Freitag kurz nach Handelseröffnung über die News-Ticker: Apple-CEO Steve Jobs, über dessen Gesundheitszustand sich seit seiner Bauchspeicheldrüsenerkrankung schon lange Gerüchte ranken, habe einen Herzinfarkt erlitten, hieß es da: „Steve Jobs wurde vor ein paar Stunden in die Notaufnahme gebracht, nachdem er zuvor einen schweren Herzinfarkt hatte. Ein Insider berichtete mir, dass […]

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Die Meldung flatterte am Freitag kurz nach Handelseröffnung über die News-Ticker: Apple-CEO Steve Jobs, über dessen Gesundheitszustand sich seit seiner Bauchspeicheldrüsenerkrankung schon lange Gerüchte ranken, habe einen Herzinfarkt erlitten, hieß es da:

„Steve Jobs wurde vor ein paar Stunden in die Notaufnahme gebracht, nachdem er zuvor einen schweren Herzinfarkt hatte. Ein Insider berichtete mir, dass die Sanitäter gerufen wurden, nachdem Steve über heftige Schmerzen in der Brust und Atemnot geklagt hatte. Meine Quelle möchte anonym bleiben, ist aber sehr verlässlich.“

Quelle der schockierenden Nachricht: iReport.com. Was nach einer Apple-Fanseite klingt, gehört tatsächlich zum weit verzweigten CNN-Universum. Es handelt sich um eine veritable Web 2.0-Website, um user generated content. Genauer gesagt:  Bürgerjournalismus (citizen journalism): „Unedited. Unfiltered. News“, wie sich die Website selbst versteht.

So wünschenswert solche Einrichtungen als Bestandteil einer funktionierenden Demokratie und so interessant solche Inhalte als authentischer Tupfer im schier unendlichen WWW auch sein mögen – in der harten Realität der in Echtzeit vernetzten Aktienmärkte sind sie ein gefährliches Terrain für Betrüger.  

Im mittlerweile komplett hysterischen Börsenumfeld, das zwischen Rezessionsängsten und regelrechter Depressions-Panik erfasst ist, den angeschlagenen Apple-Kurs mit einer Schreckensmeldung über einen Herzinfarkt ihres CEOs zu lancieren, ist nicht nur ein makaberes Spiel – es riecht vielmehr nach bewusster Kursmanipulation.

Was wäre auch leichter als das? Seit Monaten kursieren die Meldungen über eine neuerliche Erkrankung des visionären Apple-Gründers, der wie wohl kein zweiter Vorstandsvorsitzender auf dieser Welt als unersetzlich gilt. Spätestens seit seiner Präsentation des iPhones 3G im Juni, auf der Jobs erschreckend dünn aussah, liegt der Schatten über dem möglichen Ausscheiden bei Apple.  

Dass das nicht zu verkraften wäre,  dokumentieren die Kurs-Kapriolen in der Folge. Steve Jobs ist Apple, das weiß zumindest jeder Apple-Aktionär. Entsprechend drastisch reagierten Börsianer, als die „Meldung“ vom renommierten Finanzinformationsdienst Bloomberg aufgegriffen wurde und damit in Sekundenschnelle ihre Verbreitung in der Finanzwelt fand.

Auch dieser Mechanismus funktioniert inzwischen fast reflexartig: Jeder, aber auch jeder will – im schnelllebigen und vor allem Schlagzeilen-getrieben News-Geschäft der erste sein, der einen großen Scoop zu verkünden hat. Schließlich lebt die Branche zum Teil von genau dieser Exklusivität der Nachricht.

Dass angesichts eines solchen Quotendrucks im Eifer des Gefechts schon mal der falsche Button gedrückt wird, bewies Bloomberg bereits am 28. August, als fälschlicherweise bereits Nachrufe auf den visionären Apple-CEO zu lesen waren. Nun der iReport-GAU.

Während Apple in einem für das Unternehmen ungewöhnlichen Schritt die mutmaßliche Breaking News iReports dementierte,  entfernte CNN schnell die Falschmeldung von der Website, zeigte sich aber nicht einmal besonders zerknirscht. CNN gebe keine Garantien für die veröffentlichten Inhalte, sei aber an der Aufklärung des Falls interessiert. Tags darauf wurde bekannt, dass die amerikanische Börsenaufsicht SEC den Fall untersuchen – und CNN der US-Behörde die Identität des Bloggers mitteilen will.

Der Apple-Aktie, die sich seit Wochen in wüsten Ausverkaufswirren befindet, ist damit indes nur bedingt geholfen. Nach Handelseröffnung am Freitag sank das Papier schnell um 8 Dollar, erholte sich aber zunächst, ehe es in einer zweiten Ausverkaufswelle doch erstmals seit 2006 unter die 100-Dollarmarke fiel.

Auch wenn der iReport-Skandal nur die Randnotiz im jüngsten Kursmassaker ist – er wirft doch ein sehr eigenartiges Licht  auf die amerikanische Medienlandschaft. Fast scheint es nämlich, als siege inzwischen selbst bei den 1A-Adressen des amerikanischen Nachrichtenjournalismus wie CNN und Bloomberg mitunter die pure Sensationslust über investigativen Journalismus. Dabei sollte Recherche immer die erste Bürgerpflicht sein. Gerade beim Bürgerjournalismus!

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