Anzeige

Wir sind das Volk – schon wieder

Feiertagsfernsehen. Wenn es so etwas überhaupt gibt, dann verbindet Fernsehdeutschland damit vielleicht die hundertste Wiederholung der Weihnachtsgeschichte oder lässt James zu Silvester über Miss Sophies Teppich stürzen. Dieses Jahr hat sich eine neue Form des Feiertagsfernsehens etabliert: das Wiedervereinigungsfernsehen. Den neuesten Versuch startet am Montagabend SAT.1 mit dem nicht hitverdächtigen "Wir sind das Volk."

Anzeige

Immerhin drei Tage nach den offiziellen Feierlichkeiten strahlt Sat.1 „Wir sind das Volk. Liebe kennt keine Grenzen“ aus. Kurzum: Gefühlskino, großes Familiendrama und ein bißchen Schaudern vor der Stasi. In dem aufwändig produzierten Zweiteiler muss die Erzieherin Katja Schell (Anja Kling) von ihrem Freund, dem Fotografen Andreas Wagner (Hans-Werner Meyer), Abschied nehmen. Der muss wegen regimekritischen Aktivitäten und von der Stasi bedrängt nach Westberlin flüchten. Katja soll ihm so schnell wie möglich folgen. Andreas wird angeschossen, erreicht aber schwer verletzt die rettende Seite der Mauer. Und hier zeigt sich, dass Sat.1 ein waschechter Familiensender ist: Katja erwartet ein Kind von ihm. Da die Geschichte aber einen Zweiteiler tragen muss, macht sie sich aber erst ganze sechs Jahre später auf den Weg. Zusammen mit Udo Lindenbergs Titelsong „Was hat die Zeit mit uns gemacht“.

Damit reiht sich Sat.1 nahtlos in den deutsch-deutschen Trend ein: deutsche Filme über deutsche Geschichte. „Der Baader-Meinhof-Komplex“ lässt mit der Geschichte der RAF die Kinokassen klingeln, und Arte startete vor einer Woche die Reihe „Das neue deutsche Kino“ mit zwei DDR-Streifen: dem oscarprämierten „Das Leben der Anderen“ und dem ebenfalls erfolgreichen „Good Bye Lenin“. Die Sat.1-Produktion siedelt sich irgendwo zwischen den Schandtaten der Staatssicherheit und gelebter Ostalgie an. An die Erfolge der Vorgänger kann und wird man aber nicht anknüpfen können. Dafür mangelt es zuletzt auch an einer hochkarätigen Schauspielern. Heiner Lauterbach, Anja Kling ((T)traumschiff Surprise – Periode 1)  und Felicitas Woll (Berlin, Berlin) sind auch schon die bekanntesten Köpfe der Crew. Selbst der fast schon obligatorische Heino Ferch lässt sich entschuldigen. Ob das die Gunst der Zuschauer für ein zweiteiliges TV-Event trägt, ist fraglich.

Vor allem, wenn es an ausbalancierten Charakteren mangelt. Abziehbilder von Stasi-Bösewichtern gibt es dafür umso mehr. Doch ohne diese Schwarz-Weiß-Malerei scheint kein DDR-Film auszukommen. Wolfgang Beckers „Goodbye, Lenin“ lässt seine regimetreue Heldin zum Ende hin straucheln. Und selbst in Henckel von Donnersmarcks Stasi-Epos „Das Leben der Anderen“ beginnt das groteske Selbstbild eines Stasi-Spitzels zu bröckeln.

In diesem Wissen sendet Sat.1 nach dem ersten Teil um 22.25 Uhr die Dokumentation „Freiheit! Das Ende der DDR“. Zu Wort kommen neben der Hauptdarstellerin Anja Kling und Sat.1-Gesicht Kai Pflaume auch Zeitzeugen, die es unter dem Regime der SED besonders schwer hatten. Unter anderem Aram Radomski, der seit 1987 illegal über die Zustände in der DDR berichtete. Die geheimen Fotos und Videoaufnahmen gelangen über Kuriere nach Westberlin in die Redaktion des ARD Magazins „Kontraste“. Radomski saß sechs Monate in Haft und wurde von der Staatssicherheit überwacht.

Doch wo bleiben die Zeitzeugen, die der Mauer nachgetrauert haben? Wo bleibt der Film, der sich mit denen befasst, die die Wende nicht wollten? Sowas ließe sich wahrscheinlich nur schwer rund um die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung vermarkten. Der Spiegel titelte anlässlich des Kinostarts von „Der Baader-Meinhof-Komplex“ mit „Hört auf sie so zu sehen, wie sie nicht waren“. Der Appell an die deutschen Filmemacher sollte lauten: Zeigt die DDR so, wie sie war! Jenseits von Schießbefehlen und Trabbiträumen.  

„Wir sind das Volk. Liebe kennt keine Grenzen“ am 6. und 7.10., 20:15 Uhr auf Sat.1

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige