Technologie-Aktien zu Dumping-Preisen

Technologieaktien wurden im Zuge des jüngsten Börsencrashs so hart heruntergeprügelt wie seit dem Platzen der Dot.com-Blase nicht mehr. Schwergewichte der Nasdaq wie Apple, Google oder Research in Motion weisen inzwischen Bewertungsniveaus auf, nach denen sich Anleger vor Jahren noch die Finger geleckt hätten. Doch sind die Aktien damit wirklich billig? Börsianer geben eine klare Antwort: Sie verkaufen praktisch unlimitiert. Die Kurse sind im freien Fall.

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Es gibt Bonmots, die bleiben für die Ewigkeit. „Als der Börsenkrach kam, waren nicht alle Märkte gleich geschaffen“, lautet so eins, das natürlich vom Börsenaltmeister André Kostolany selbst kam. Einige Jahrzehnte ist es alt – und doch so aktuell wie nie zuvor. Was sich in den vergangenen vier Wochen an den Weltbörsen abspielte, übertrifft die großen Börsenturbulenzen der jüngeren Vergangenheit problemlos: Die Anschläge vom 11.9. 2001, das Platzen der Internetblase, die Asien- und Russlandkrise. Keine Frage: Die Finanzmarktkrise ist längst zum veritablen Crash geworden.

„Es brennt an allen Ecken und Enden“, erklärte heute ein Händler, nachdem der Dax im Zuge der dramatischen Rettungsaktion der Hypo Real Estate auf ein neues Zwei-Jahrestief abstürzte. Alles fällt, nur manches eben härter und steiler als anderes.

Erstaunlicherweise zählen Technologieaktien auch dazu. Obwohl die Schwergewichte der Branche bis heute Wachstumsraten aufweisen, von denen andere Industrien nur träumen können, werden ihre Papiere doch so hart heruntergeprügelt wie seit dem Dot.com-Crash nicht mehr. Alles muss raus, so scheinen die Chartverläufe der gefallenen Nasdaq-Stars zu bedeuten. Sowohl Google, Apple als auch Research in Motion (RIM) haben seit Jahresbeginn mittlerweile mehr als die Hälfte ihres Börsenwertes verloren – den Löwenanteil davon seit dem Eskalieren der Finanzmarktkrise in den letzten fünf Wochen.

Technologieaktien: So billig wie nie in diesem Jahrzehnt

Dabei sehen die Aktien optisch nunmehr billig aus. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das wichtigste Bewertungskriterium für Aktien, ist auf Niveaus zurückgefallen, die noch vor Jahren kaum für möglich gehalten worden wären: Apple, Google und Research in Motion werden nach den jüngsten Kursstürzen mit KGVs weit unter 20 gehandelt – und sind damit so günstig wie nie in diesem Jahrzehnt.

Fundamental ist dabei noch nicht viel passiert. Research in Motion verkündete bei den jüngst veröffentlichten Quartalszahlen ein Gewinnwachstum um 72 Prozent bei einem Umsatzsprung um 88 Prozent. Google und Apple konnten ihren Aktionären bei den im Juli veröffentlichten Unternehmensdaten ebenfalls Wachstumsraten bei Gewinn und Umsatz von mehr als 30 Prozent präsentieren.

Doch das reicht nicht mehr, denn Aktionäre glauben offenbar nicht mehr an die bisherigen Gewinnschätzungen – und erst recht nicht an die des kommenden Jahres. So ist der dramatische Absturz der vergangenen Wochen vor allem eine Folge des globalen Misstrauens, das Anleger den einstigen Wachstumsfavoriten entgegenbringen.

„Technologieaktien sind derzeit zu riskant, um sie anzufassen“, erklärt etwa der Research-Analyst David Paltier vom Finanzinformationsdienst TheStreet.com mit Blick auf das unsichere konjunkturelle Umfeld. Entsprechend haben auch zuletzt Analysten argumentiert und Herabstufungen herausgegeben.

Downgrades ziehen Technologiewerte herunter

Prominentestes Opfer war in der vergangenen Woche Apple. Das Kultunternehmen aus Cupertino wurde in den letzten Tagen gleich dreimal zurechtgestutzt und verlor im Wochenverlauf mehr als 25 Prozent an Börsenwert. Die Analysten von RBC Capital senkten ihre Gewinnprognosen von 6,07 auf 5,75 Dollar je Aktie für das Geschäftsjahr 2008/09. Morgan Stanley ging sogar noch weiter und stufte die Prognosen von 5,91 auf 5,47 Dollar zurück. Gegenüber dem gerade abgelaufenen Jahr entspräche das nur noch einem Wachstum von gerade 5 Prozent. So liest sich überbordender Pessimismus.

Glaubt man dem renommierten Internet-Analysten Henry Blodget, könnte auch Google nun eine Downgrade-Welle drohen. „Während sich die Wirtschaft in den nächsten Monaten abschwächt, dürften die Analysten nach und nach ihre Prognosen revidieren“, schreibt Blodget in dem von ihm gegründeten Internetportal Silicon Valley Insider. „Wichtiger jedoch: Die Umsatzwachstumsprognosen für 2009 sind einfach noch zu hoch.“

Bislang geht die Wall Street von Umsätzen von mehr als 20 Milliarden Dollar in 2009 aus. In diesem Jahr sollen es rund 16 Milliarden werden. Den Gewinn je Aktie taxiert der Durchschnitt der befragten Analysten im nächsten Jahr mit 23,68 Dollar. Damit käme Google auf Basis des gegenwärtigen Kursniveaus auf ein erwartetes KGV von nur 16!

Google noch immer zu teuer?

Dennoch glaubt Blodget nicht, dass die aktuellen Notierungen wirklich Schnäppchenpreise sind. „Wir glauben, dass die Aktie durchaus unter 350 Dollar fallen könnte“, schrieb der Internet-Analyst bereits in der vergangenen Woche, als das Papier noch bei 430 Dollar notierte. Fünf Handelstage später hat sich die Aktie den düsteren Prognosen längst stark angenähert – für gerade mal 370 Dollar wechselten Google-Aktien im vorbörslichen Handel bereits den Besitzer – ein Abschlag von mehr als 50 Prozent zum Allzeithoch.

Mit Kursstürzen in diesen Dimensionen befindet Google in bester Gesellschaft. Auch die Aktien der anderen großen Internet-Unternehmen werden in diesen Tagen von Investoren zum Abschuss freigegeben: Amazon hat seit Jahresbeginn rund 30 Prozent an Wert verloren, Yahoo trotz des Microsoft-Gebots 35 Prozent, eBay 45 Prozent.

Und ein Ende des Ausverkaufs ist auch am heutigen Montag, dem bereits vierten verlustreichen Wochenstart in Folge, nicht in Sicht. Der Dax verliert zur Stunde mehr als 6 Prozent, der einstige Neue Markt-Nachfolger TecDax gar unfassbare 10 Prozent. „Wir befinden uns in einem weltweiten Crash“, ordnet der ehemalige Hedgefonds-Manager und CNBC-Marktkommenator James Cramer die düstere Stimmung zur Handelseröffnung an der Wall Street ein. „Und ich werde nichts kaufen, denn die Kurse werden weiter nachgeben.“ Erst recht Technologieaktien: „Tech ist einfach nicht der Ort, um Geld zu verdienen“, legt sich Cramer fest. Die Zeiten bleiben also hart für Besitzer von Technologiewerten – ganz gleich, wie günstig die Papiere auch derzeit auszusehen scheinen…

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