„Californication“ soll RTL II Quote bringen

Es geht mal wieder ans Eingemachte! Nach „Heroes“ und „Sleeper Cell“ will RTL II seinem „Gegner“ ProSieben mit zwei hoch gelobten US-Serien wieder mal zeigen, wer der eigentliche Held des Serien-TV ist. „Californication“, so heißt der erste US-Serien-Hit mit Akte X-Star David Duchovny in der Hauptrolle, „Dexter“, der zweite. Die Erwartungen sind hoch gesteckt: Über acht Prozent Marktanteil erhofft man sich bei RTL II. Sex und Blut gibt es im Überfluss, und dazu jede Menge schwarzen Humor!

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Bevor der Zuschauer überhaupt eingeschaltet hat, bekommt er von RTL II – höchst umsichtig, danke – gleich eine Interpretation der beiden neuen Serien mitgeliefert. "Unmoralischer Montag", unter diesem Label starten "Californication" und "Dexter" im Spätabendprogramm. Beide stammen aus der Produktion des HBO-Konkurrenten "Showtime", der schon die erfolgreiche Kiffer-Serie "Weeds" auf den Bildschirm gebracht hat. Und selbstverständlich sind die männlichen Protagonisten beider Serien keine Moral-Junkies – weder in der Außen- noch in der Innenbetrachtung – sonst wäre es ja langweilig.

In „Californication“ geht es um den Schriftsteller Hank Moody (David Duchovny), der von New York nach Los Angeles gezogen ist. Doch die Stadt der Engel bringt ihm kein Glück. Sein Erstlingsroman "God Hates Us All", der Kritiker zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat, wird zu seinem Entsetzen zu einer zwar sehr erfolgreichen, aber quälend schnulzigen Hollywood-Romanze namens "A Crazy Little Thing Called Love" verwurstet. Außerdem verlässt ihn seine langjährige Freundin Karen (Natasha McElhone) zusammen mit seiner 12-jährigen Tochter Becca (Madeleine Martin) und zieht ins „Barbie-Traumhaus“ zum konservativen Bill, den Hank auch gerne mal mit „Schleimi“ oder „Herzchen“ anspricht.

One-Night-Stands am laufenden Band

Diese beruflichen und privaten Misserfolge führen bei Hank zu einer gewaltigen Schreibblockade und einem fast schon heroischen Selbstmitleid. Wenn alles den Bach runter geht, dann schon richtig, ist jetzt seine Lebensdevise. Und so cruist der jungenhafte Mitvierziger mit seinem schwarzen alten Porsche durch die sonnigen Straßen von L.A., verprügelt Handy-telefonierende Kinobesucher und hat One-Night-Stands am laufenden Band: Am liebsten mit irgendwelchen durchgeknallten Frauen, wie zum Beispiel einer 16-jährigen Lolita, die ihm beim Sex einfach mal ein blaues Auge schlägt.

Manchmal, wenn er melancholisch in seinem Auto sitzt, eine Kippe im Mundwinkel, denkt Hank auch über die Oberflächlichkeiten und den Schönheitswahn nach, dem vor allem die Frauen in L.A. unterworfen sind. Doch der aufgesetzte moralische Pathos verfliegt bald wieder: Klar, denn mindestens alle fünf Minuten reißen hübsche Frauen sich vor ihm die Kleider vom Leib und fragen ihn, ob sie sich nicht doch einer Brustvergrößerung oder gar einer Vaginalverjüngung unterziehen sollten. Hank ist das relativ egal, Hauptsache eine Frau hat keinen riesigen "70er-Jahre Playboy-Busch".

Soft-Erotik im Schlafzimmer

Im Prinzip ist er ja ein grundguter Kerl, der nur einen einzigen Wunsch hat: seine aus gutem Grund frühreife Tochter („Vater, warum ist da eine nackte Frau in deinem Schlafzimmer. Sie hat keine Haare auf der Vagina. Ist sie krank?) und seine Ex-Freundin („Hank, du riechst mal wieder nach Muschi“) dem neuen Macker abtrünnig zu machen. Bis es soweit ist, reibt sich Hank mit hochprozentigem Sarkasmus an der blöden oberflächlichen Welt und amüsiert damit die Zuschauer.

Wer Schauspieler David Duchovny bisher nur aus „Akte X“ als blasse Mimose Moulder kannte, wird positiv überrascht sein. Duchovny ist die Rolle des Loser-Kotzbrockens auf dem Leib geschrieben. Die Drehbuchschreiber geben seiner Figur die nötige Schärfe – mit vielen schönen und bösen Dialogen, die den Artenreichtum an Fäkalvokabular wie „fuck“, „Arsch“ und „Muschi“ in der Gänze ausnutzen. Optisch setzt der Film passend dazu auf konservative Soft-Erotik im heimischen Schlafzimmer. Trotz Busenschau und herber Situationskomik ist die Handlung aber auf Dauer leider doch etwas dünn – die Story kommt nicht so richtig in Fahrt. Die Bilder von Hank im zehnten Bett, Hank nachdenklich im Auto und selbst Hank, der sich im Traum von einer Nonne einen blasen lässt, ermüden irgendwann.

Leidenschaft für aufregende Blutspuren

Sollte jemand – trotz der vielen One-Night-Stands bei "Californication" – eingeschlafen sein, so wird er spätestens von der schrägen Serie "Dexter", gleich im Anschluss, wieder schockgeweckt: Der sympathische Bubityp Dexter Morgan (der auch gerne Donuts an seine Kollegen verteilt) arbeitet als Gerichtsmediziner; er ist spezialisiert auf die Analyse von Blutspuren („Blut ist mein Job“) und hilft der Mordkommission beim Aufspüren von besonders blutrünstigen Mördern. Wer jetzt denkt, bei CSY Nummer zehn gelandet zu sein, täuscht sich aber.

Denn Dexter (großartig mit Michael C. Hall besetzt) ist gewissermaßen ein Workaholic, was seine Leidenschaft für Blut anbelangt: Nachts arbeitet er selbst als Serienkiller; er schnallt seine Opfer auf eine Trage mit Gummilaken, greift zur elektrischen Säge und zerlegt sie mit chirurgischer Präzision. Wenn das Handy klingelt und seine nichtsahnende Freundin mit sanfter Stimme fragt „Und, was machst du gerade?“, unterbricht er sein „Projekt“ auch mal für zwei Minuten und streift die Latex-Handschuhe ab. Wie jeder Serienkiller sammelt Dexter Trophäen; in seinem Fall ist alles, was von den Opfern übrig bleibt, ein Tropfen Blut in einer Objektträgersammlung. Dexter ist eben „ein sehr reinliches Monster“.

Killer mit kleiner Ego-Krise

Penibel wählt er auch seine Opfer aus; denn der Serienkiller Dexter killt nicht x-beliebig, er zersäbelt nur andere Serienkiller, die bei Gericht ungestraft davonkamen. Deswegen ist Dexter aber noch lange kein Robin Hood, eher ein gezähmter Psychopath: sein verstorbenen Pflegevater, ein Polizist, der Dexters mörderische Veranlagung schon früh erkannte (er entdeckte Dexters Tierleichen in einer Grube), schwor ihn schon als Junge auf diese Art von Ehren-Kodex ein.

Dexter ging darauf ein – allerding aus Respekt, nicht aus Liebe zu seinem Steifvater. Denn Gefühle hat der Antiheld Dexter, weder als Junge noch als Erwachsener, kaum: Vor freundschaftlichen Bindungen schreckt er zurück, vor Sex hat er Angst; in leidenschaftliche Wallung bringen kann ihn nur ein besonders aufregender Tatort. „Zerstückelte Leichen und eine leichte Regen-Wahrscheinlichkeit am Nachmittag“ sind für ihn Indikatoren für einen “herrlichen Tag“. Seine erste große Krise bekommt Dexter, als er auf einen anderen großen Meister seines Fachs trifft. Ein Serienkiller, der seine Leichen blutleer, schneewittchenweiß und in mehrere Einzelteile zerhäckselt am Tatort zurücklässt. „Warum ist mir das nicht eingefallen?“, fragt er sich neidisch und fürchtet zugleich: „Der Typ ist vielleicht besser als ich“.

Kontroversen in den USA

In den USA sorgte die Serie für einige Kontroversen: Darf ein Mörder sympathisch sein, lautete der Hauptvorwurf. Durchaus berechtigt, denn ja, Dexter ist wirklich irgendwie sympathisch: Vor allem, wenn er mit den Kindern seiner Freundin knuddelt („Kinder würde ich nie töten“), seiner aufgesexten Stiefschwester Deborah, der niemand etwas zutraut („Sie kann einen Fall nur beenden, wenn sie auf dem Rücken liegt“), von der Sitte den Weg in die Mordkommission ebnet und es sogar ungewollt schafft, aus seiner strengen Vorgesetzten bei der Polizei einen lüsternen Vamp zu machen.

Aber gerade diese Ambivalenz macht die Serie unterhaltsam. Die Tatsache, dass der Zuschauer beobachten kann, wie sich Dexter so mühsam durch den menschelnden Alltag kämpft, sorgt schließlich auch dafür, dass er als Serienmörder komplett entmystifiziert wird. So konstatiert Dexter am Ende der ersten Episode nüchtern: „Das Leben birgt keine Geheimnisse mehr, nur versteckte Wahrheiten, die an der Oberfläche schlummern.“

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