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Immer Ärger mit dem „Spiegel“

Wie jeder Konzern ist auch Gruner + Jahr nicht überall der Herr im Haus. Der Verlag verfügt über eine Reihe von Beteiligungen. Teils mit Mehrheit, teils ohne. Für erheblichen Wirbel sorgte in der jüngsten Vergangenheit die 25,5%- Beteiligung am "Spiegel"-Verlag. Bei der Ablösung des langjährigen Chefredakteurs Stefan Aust und der Demontage des Kurzzeit-Geschäftsführers Mario Frank durch die Mitarbeiter KG des "Spiegel" machte G+J nicht immer eine glückliche Figur.

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Nach dem Tod Rudolf Augsteins im November 2002 hatte G+J ein wichtiges halbes Prozent der Gesellschafter-Anteile am „Spiegel“-Verlag dazuerhalten, wie von Augstein in seinem Letzten Willen festgelegt. Gruner hält nun 25,5 Prozent, die „Spiegel“-Mitarbeiter KG 50,5 Prozent und die Erben Augsteins besitzen lukrative aber bedeutungslose 24 Prozent. Laut Gesellschaftervertrag müssen G+J und die Mitarbeiter KG sich einig sein, um wichtige Entscheidungen durchzusetzen. Sind sie aber oft nicht.

So begann nach der Demontage des langjährigen Chefredakteurs Stefan Aust die peinliche Suche nach einem Nachfolger, bei der sich weder G+J noch die Mitarbeiter KG mit Ruhm bekleckerten. Der Gipfel war erreicht, als die eigentlich schon abgesprochene Verpflichtung des ZDF-Nachrichten-Mannes Claus Kleber an die Öffentlichkeit kam und der prompt einen Rückzieher machte. Das war im Dezember 2007. Wenig heiter ging es weiter im Januar 08. Da lehnte es die Mitarbeiter KG ab, die Hälfte der „Financial Times Deutschland“ zu kaufen. G+J hält die andere Hälfte und der bisherige Partner Pearson wollte seine 50 Prozent an der „FTD“ unbedingt loswerden. Nicht direkt ein Vertrauensbeweis für die chronisch defizitäre Wirtschaftszeitung. Die Mitarbeiter KG des „Spiegel“ sah das ähnlich und wollte Kundrun beim Kauf des lachsrosa-farbenen Wirtschaftsblattes keinesfalls behilflich sein. Dadurch war Kundrun gezwungen, den 50%-Anteil der „FTD“ für kolportierte 15 Mio. Euro selbst zu kaufen. Die Alternative wäre wohl gewesen, das Blatt einzustellen. Das aber will Kundrun auf jeden Fall verhindern, schließlich hat er die „FTD“ noch in seiner Zeit als Zeitungsvorstand von G+J selbst aus der Taufe gehoben.

Der Zank zwischen den Gruners und der „Spiegel“ Mitarbeiter KG ging derweil in die nächste Runde und eskalierte in der öffentlichen Demontage von „Spiegel“-Geschäftsführer Mario Frank. Es sickerte (mal wieder) durch, dass die Mitarbeiter KG kein Vertrauen mehr in Frank als Geschäftsführer habe und dessen Ablösung fordere. Bei G+J fühlte man sich düpiert und benahm sich nicht direkt geschickt. Noch Ende April stellte sich Kundrun via dpa-Interview demonstrativ hinter Frank: „Mario Frank genießt unser volles Vertrauen“, sagte er. Obwohl da schon klar war, dass Frank nicht zu halten sein wird, wenn der Mehrheitsgesellschafter seine Abberufung wünscht. Das merkten nach dem Interview wohl auch die G+Jler. Wenige Tage nach dem Formulierungs-Missgriff gab Kundrun der „SZ“ ein Interview und ruderte mit voller Kraft zurück. Jetzt sagte er plötzlich: „Wir verwehren uns überhaupt nicht dem Gespräch mit anderen Gesellschaftern.“ Autsch.

Mario Frank wird nun vom bisherigen „Stern“-Geschäftsführer Ove Saffe abgelöst. Eine Personal-Lösung, mit der alle Beteiligten gut leben können. Bei Gruner ist man erstmal froh, dass ein bisschen Ruhe beim „Spiegel“ einkehrt. Die Nerven des G+J-Vorstands waren von dem Herumgeeiere  an der Brandstwiete bisweilen arg strapaziert worden.


Money mit Motoren

Da lobt man sich doch die Motor-Presse in Stuttgart. Von dort dringen solche Scharmützel nicht ans Ohr der hohen Herren von Gruner + Jahr. Oder falls doch, so werden sie zumindest nicht öffentlich gemacht. Seit April 2003 führt der frühere G+J-Anzeigenchef Friedrich Wehrle die Stuttgarter Motor-Presse weitgehend geräuschlos. Der Verlag ist ein echtes Schmuckstück im Portfolio der Hamburger.

Schon lange hatte man sich nach der Mehrheit in dem Stuttgarter Haus gesehnt, aber erst Ende 2004 war es soweit. G+J besaß bis dahin „nur“ 17,14 Prozent an den Vereinigten Motor Verlagen, wo unter anderem die ertragsstarken Auto-Magazine – allen voran „auto, motor und sport“ – aufgehängt sind. Es dauerte und ist vor allem der hartnäckigen und umsichtigen Verhandlungsführung des ehemaligen Zeitschriftenvorstandes Rolf Wickmann zu verdanken, der als Generalbevollmächtigter von G+J die alten Gesellschafterfamilien Pietsch (hielten 17%) und Dietrich-Troeltsch (hielten 20%) sowie den Würzburger Vogel Verlag (hielt 46%) an einen Tisch und zu einer Einigung im Sinne der Gruners bewegen konnte. Die Mehrheitsübernahme durch G+J beseitigte die schwierigen Gesellschafter-Verhältnisse und bescherten dem Verlag einen Umsatzbringer par excellence.

Seit der Übernahme hat allerdings auch ein gewisses Rendite-Denken bei der Motor-Presse Einzug gehalten. Jörg Plathner, von G+J als Verantwortlicher für die Auto-Titel nach Stuttgart entsandt, beerdigte die Traditionszeitschrift „mot“ und landete mit der ausgedruckten Datenbank „automonat“, die als Zeitschrift verkleidet daherkam, einen veritablen Flop. Mehr Glück hatte der Verlag mit dem Motorrad-Magazin „2Räder“, das ab 2009 monatlich erscheint, dafür wird der Titel „mopped“ eingestellt und „2Räder“ beigelegt. Die Zweirad-Titel bei der Motor-Presse verantwortet Peter-Paul Pietsch, Sohn von Verlagsgründer Paul Pietsch. Mitte des Jahres hat die Motor-Presse ihre gesamte Unterhaltungs-Elektronik-Sparte an Weka verkauft. Der Stuttgarter Verlag ist stärker denn je auf den Hauptumsatzbringer „auto, motor und sport“ fokussiert. Aus übergeordneten Rendite-Gesichtspunkten ist das wohl richtig. Die Macher müssen nur aufpassen, dass der Charakter der Motor-Presse als breiter Special-Interest-Verlag dabei nicht irgendwann unter die Räder gerät.

Sorgenkind Prinovis

Sorgen macht der 2005 gebildete Druck-Riese Prinovis. Der Kunstname ist aus den drei Begriffen „Print“, „Innovation“ und „Vision“ zusammengesetzt. Das beherrschende Leitmotiv der vergangenen Jahre heißt aber: Kostendruck. Unter dem Prinovis-Dach wurden die Druckereien von Axel Springer, Bertelsmann Arvato und Gruner + Jahr zusammengefügt. Praktisch seit Gründung häufen sich die Probleme, getrieben durch Teuerungen am weltweiten Papiermarkt und einem tendenziell rückläufigen Geschäft mit Print-Produkten, vulgo Katalogen und Zeitschriften. Von 2005 bis 2007 ist der Prinovis-Umsatz von 1 Mrd. Euro auf rund 800 Mio. Euro zurückgegangen. Erst im Februar musste Prinovis seinen Druckstandort in Darmstadt dichtmachen. Blöd, dass Prinovis kurz vor dem drastischen Einbruch in der Print-Branche 2006 noch schnell eine 170 Mio. Euro teure Tiefdruckanlage in Liverpool eröffnet hat. Das tut weh in der Bilanz. Prinovis-Chef Stephan Krauss will den Schwerpunkt weg vom Medien-Geschäft bewegen. Hin zu Service-Dienstleistungen rund ums Katalog-Geschäft und hin zum Internet geht die Reise. Ganz im Sinne des neuen Bertelsmann-Chefs Hartmut Ostrowski.

In der G+J-Bilanz ist Prinovis ein Klotz am Bein. Aber einer, den man nicht so schnell los wird. Auch wenn der Druck-Konzern schwächelt, wird die G+J-Mutter Bertelsmann an ihm festhalten. Ostrowski hat schließlich mal den Prinovis-Gesellschafter Arvato geleitet und das Druckhaus passt als Dienstleistungs-Unternehmen sogar besser in Ostrowskis ambitionierte Wachstumsstrategie als G+J selbst.

Zeitungen: unvollendeter Strategieschwenk

Gruner + Jahr und die Zeitungen – ein unvollendetes Kapitel. Gerd Schulte-Hillen sah das Geschäft mit den Tageszeitungen mal als Wachstumsmarkt für den Verlag. Eifrig wurde gekauft und investiert: „Hamburger Morgenpost“, „Zeitung zum Sonntag“, „Berliner Zeitung“, „Sächsische Zeitung“. G+J war zeitweise ein Zeitungsverlag von Gewicht mit einem eigenen Zeitungs-Vorstand mit Namen Bernd Kundrun. Der hat dann aber zunächst die „Mopo“ und die „Zeitung zum Sonntag“ abgestoßen und die „Financial Times Deutschland“ gegründet, zusammen mit dem „FT“-Mutterhaus Pearson. 2002 wurde dann schließlich der zuvor lange dementierte Verkauf des Berliner Verlags an Holtzbrinck vollzogen. Die Pläne aus der ehemaligen DDR-Zeitung eine deutsche „Washington Post“ zu machen, waren einfach einen Zacken zu großspurig und teuer geraten.

Wie man heute weiß, blieb es dabei nicht und Holtzbrinck vertickte den Berliner Verlag auf Druck des Kartellamts an den Finanzvinvestor Mecom weiter. Aber G+J war seine Berliner Zeitungen 2002 erstmal fein los. Erklärte Strategie war es jetzt, sich komplett aus dem Geschäft mit Regionalzeitungen zurückzuziehen. Auch der Verkauf der Beteiligung an der „Sächsischen Zeitung“ rückte auf die Tagesordnung. Dumm nur, dass sich niemand fand, der einen Preis nach Gruners Vorstellungen zu zahlen bereit war. So muß die „Sächsische“, die G+J zusammen mit der SPD-Medienholding DDVG gehört, bis heute als ein Relikt eines nicht ganz vollzogenen Strategieschwenks gelten. Das Thema Verkauf ist mittlerweile wieder in den Hintergrund gerückt. Die Zeitung aus Dresden macht Gewinn und die Preise, die für Tageszeitungsverlage zu erzielen sind, sind seit 2002 nicht direkt gestiegen.

Fachliche Aussichten

2007 hat G+J 75 Prozent an der Online-Firma xx-well.com gekauft, die interaktive Beratung in Ernährungs-, Fitness- und Stressfragen anbieten. Der Verlag will damit seine Frauen-Online-Angebote aufpeppen. Ebenfalls vergangenes Jahr übernahm der Verlag die Online-Koch-Community Chefkoch.de für rund acht Millionen Euro. Für G+J-Verhältnisse ein happiger Zukauf. Richtig tief in die Tasche greifen will G+J-Chef Kundrun jedoch für den Fachzeitschriften Verlag Reed Business Information (RBI). Die Umsatzrendite soll zwischen 15 und 20 Prozent liegen, der bisher aufgerufene Preis bei 1,3 Mrd. Euro liegen. Gut möglich, dass der noch klettert. Neben Gruner + Jahr sind nämlich auch potente Finanz-Investoren wie Bain Capital im Rennen.

Für Kundrun wäre der Deal ein wichtiges Wachstums- und Rendite-Signal in Richtung Bertelsmann. Interessanterweise sind die Meinungen zum angestrebten Kauf von RBI geteilt. Horcht man in den Verlag Gruner + Jahr hinein, hört man viele skeptische Stimmen. Es gibt Befürchtungen, das Profil von G+J könnte sich ändern, der Schwerpunkte innerhalb des Hauses in Richtung Fachinfo verlagern. Immerhin hat Gruner Anfang 2007 schon den vergleichsweise kleinen deutschen Fachverlag Entertainment Media (u.a. „Blickpunkt Film“, „Musikwoche“) übernommen. Ein Kauf von RBI hätte ein ungleich höheres Gewicht. Mancher macht sich Sorgen, dass der Name G+J bald nicht mehr für glanzvolle Publikumstitel steht, sondern für trockene Faktenhuberei. Egal, sagen andere – Hauptsache, die Rendite stimmt. Verlagskenner außerhalb von G+J loben einhellig den geplanten Schritt. Bei Fachverlagen lasse sich im Print-Sektor auch langfristig noch Geld verdienen, so deren Meinung. Aber erst einmal muss Kundrun den Zuschlag für RBI bekommen. Spätestens Ende des Jahres soll eine Entscheidung fallen. Den Skeptikern zum Trost: Ein bisschen Glamour bringen auch die Fachtitel von RBI ins Haus. Zu dem Verlag gehört das führende Hollywood-Branchenmagazin „Variety“.

Mit den Zukunftsaussichten von Gruner + Jahr im Bertelsmann-Konzern befassen wir uns im fünften und letzten Teil unserer Serie.

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