„Bild“ gegen Klinsi – oder was bei Steinmeiers Blattkritik fehlte

An Deutschlands größtem Boulevardblatt kommt keiner vorbei, der Kanzler werden will. Das weiß Frank-Walter Steinmeier, und vielleicht fiel seine Blattkritik in der Berliner Redaktionszentrale deshalb so schulterklopfend aus. Bei Chefredakteur Kai Diekmann und seinen Kollegen bedankte er sich am Montagmorgen sogar fürs frühe Aufstehen. Danach ein Lob für den Aufmacher zum Thema Bluthochdruck (die relevanten […]

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An Deutschlands größtem Boulevardblatt kommt keiner vorbei, der Kanzler werden will. Das weiß Frank-Walter Steinmeier, und vielleicht fiel seine Blattkritik in der Berliner Redaktionszentrale deshalb so schulterklopfend aus. Bei Chefredakteur Kai Diekmann und seinen Kollegen bedankte er sich am Montagmorgen sogar fürs frühe Aufstehen. Danach ein Lob für den Aufmacher zum Thema Bluthochdruck (die relevanten Fakten und Tipps waren schon Anfang August in einer „Focus“-Titelgeschichte nachzulesen), freundliche Worte für den regierungsfreundlichen Seite 2-Kommentar zur Agenda 2010 und Anerkennung für den Vorabdruck der Biographie Kurt Becks („Auch wenn es schmerzt…“). Ab mittags gab’s das Ganze als Video-Stream bei Bild.de.

Wer es schaffte, den Zwölfminüter bis zum Schluss anzusehen, dürfte die vorab gehypte Veranstaltung dröge und unerheblich gefunden haben. Und sich fragen: Hat Steinmeier da nicht etwas übersehen? Oder liest er den Sportteil nicht?

Es ist nämlich schon bemerkenswert, wie die Diekmänner nach nur fünf Spielen Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann sturmreif schießen. Den Beginn machte Kolumnist Franz-Josef Wagner: „Irgendwann muss ihm jemand sagen, dass er der schlechteste Bundeliga-Trainer der Bayern ist.“ Klingt gewaltig, stimmt aber nicht.

Das Fachmagazin „kicker“ weiß es besser und auch, was von solchen statistischen Schnellschüssen zu halten ist: „Einen gleich unbefriedigenden Saisonauftakt mit acht Zählern wie nun Jürgen Klinsmann hatte als neuer Bayern-Trainer 2004/05 Felix Magath, um am Ende doch Meister zu werden.“ Dagegen habe Otto Rehhagel 1995/96 nach fünf Spieltagen die maximal möglichen 15 Punkte vorgelegt, wurde „dennnoch nach zehn Spieltagen entlassen und Bayern am Ende Zweiter“.

„Bild“-Fußballkommentator Walter Straten hindert dies nicht, im Rahmen der Berichterstattung über „Die Klinsi-Katastrophe“ den Beginn einer Krise zu wittern, „an deren Ende Jürgen Klinsmann im Flugzeug nach Los Angeles sitzt“. Insider sehen in der verfrühten Abrechnung Kalkül: Klinsmann, dem generell keine große Nähe zu den Medien nachgesagt werden kann, hat sich dem Springer-Blatt über Jahre verweigert und Anwälte beauftragt, gegen unliebsame Artikel vorzugehen. Exklusiv-Deals fädelte er über seinen Medienberater Roland Eitel lieber mit der „Süddeutschen“ oder der „FAZ“ ein. Das passt nicht zum Platzhirsch-Denken der „Bild“-Macher. Selbst als Bundestrainer boykottierte Klinsman das Blatt und verwies bei Anfragen nach Exklusiv-Interviews süffisant auf die tägliche Pressekonferenz. Kein Wunder also, wenn „Bild“ jetzt die Devise ausgibt: Siegen oder Fliegen.

Mächtig unter Druck: „Bild“ hat Klinsi im Visier

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