Ein Brandbrief an Verleger Burda

Unruhe in der Verlagsgruppe Milchstrasse: In einem Offenen Brief an Hubert Burda werfen 43 Redakteure von „TV Spielfilm“ und der Kino-Zeitschrift „Cinema“ dem Münchner Verleger „unsoziale Tarifflucht“ sowie „rücksichtslose Rendite- Optimierung“ vor. Hintergrund für die ungewöhnlich deutliche Kontroverse sind starke Einsparungen und Kündigungen im Redaktionsbetrieb, die das Qualitätsniveau der Zeitschriften gefährden und die Existenz des gesamten Verlags bedrohen würden.

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Am 3. September hatte die Hamburger Verlagsleitung bekannt gegeben, dass eine neu gegründete „Redaktions-Servicegesellschaft“ unter anderem Schluss- und Bildredaktion der beiden Zeitschriften übernehmen wird. Betroffen davon ist auch „Fit for Fun“. Die Neugründung kommt unter dem trendigen Namen P-Eleven her und soll 16 Mitarbeiter zu schlechteren Konditionen als bisher beschäftigen. Sieben Stellen wurden ganz gestrichen. Offenbar erhielten in der Zwischenzeit alle in den Bereichen beschäftigten Mitarbeiter die Kündigung und können sich nun bei P-Eleven bewerben.

In dem Schreiben wird Burda mangelnde „verlegerische Verantwortung“ vorgeworfen: „Wir Mitglieder der TV Spielfilm-Redaktion sehen die Ausgliederung von wichtigen Redaktionsbereichen und die erneute Entlassung kompetenter Kollegen als Zerschlagung von Strukturen, die den Erfolg der TVS-Blattfamilie überhaupt erst ermöglichen.“ Zudem setze Burda damit ausgerechnet als Präsident des Verbands der Zeitschriftenverleger (VdZ) ein „negatives Signal in der ganzen Presselandschaft“. Schon jetzt betreue die Redaktion mit reduziertem Personalstand fünf zusätzliche TV-Titel, unter anderem das TV-Magazin des „stern“. Die neue Sparmaßnahme werde „Oberflächlichkeit und unvermeidbare Fehler“ bei den Produkten zur Folge haben.

Die Kritik richtet sich auch gegen „TV Spielfilm“-Verlagsleiter Gunnar Scheuer, der in Personalunion auch die Geschäftsführung von P-Eleven ausübt. Dessen „Einfallsreichtum erschöpft sich in einem Kahlschlag, der dem jahrelangen Verfall der Unternehmenskultur in der Verlagsgruppe Milchstrasse die Krone aufsetzt“. Zu dem Offenen Brief vom Dienstag haben bislang weder Burda noch die Hamburger Geschäftsführung Stellung genommen.

Vergangene Woche hatte bereits der Deutsche Journalisten Verband vor einer „Entlassungswelle“ beim Hamburger Verlag gewarnt. „Wir haben erfahren, dass 27 Redakteure von einer betriebsbedingten Kündigung bedroht sein sollen“, so Marina Friedt vom Hamburger DJV-Landesverband. Der Verband forderte Burda auf, die Pläne fallen zu lassen: „Redaktionen sind keine Profitcenter, sondern Grundlage für publizistischen Erfolg.“ Erst vor kurzem hatte Burda den Milchstrassen-Klassiker „Max“ und die Neugründung „Ivy“ eingestellt.

Im erbittert umkämpften Marktsegment der Programmies ist die Lage des einstigen Marktführers „TV Spielfilm“ in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden. Springers „TV Digital“ sowie die Konkurrenz durch eine Flut von Billig-Titeln haben zum Absacken der Auflage geführt. In den vergangenen fünf Jahren ist der Gesamtverkauf um 27 Prozent, der Einzelverkauf gar um 39 Prozent zurückgegangen. Aktuell liegt die Verkaufsauflage unter 1,5 Million Exemplaren, im Konkurrenzvergleich landet „TVS“ damit abgeschlagen auf Rang vier.

Auflagen-Entwicklung seit 1998: TV Spielfilm (blaue Kurve), TV Digital (rot), TV 14 (grün), TV Movie (gelb)

Anmerkung der Redaktion: Hubert Burda Media ist seit Ende 2004 alleiniger Gesellschafter der Verlagsgruppe, nachdem der Konzern die Anteile von Milchstrassen-Gründer Dirk Manthey (Herausgeber von MEEDIA) übernommen hatte. Der Autor dieses Artikels war von 1999 bis 2005 bei der Milchstrasse tätig, zuletzt als Chefredakteur der Zeitschrift „Tomorrow“.

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