Apple: Nicht neue iPods zählen – sondern Steve Jobs’ Zukunft

Rock ist etwas anderes. Dabei war dies genau das Motto des jüngsten Apple-Events am Dienstagabend in San Francisco: „Let’s Rock“. Doch so richtig gerockt hat es nicht im Moscone Center – trotz einer Komplettüberholung der gesamten iPod-Produktlinie. Gleich viermal wurden neue iPods vorgestellt: Einmal die eher unspektakulären Updates des iPods Classic und iPods Shuffle mit […]

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Rock ist etwas anderes. Dabei war dies genau das Motto des jüngsten Apple-Events am Dienstagabend in San Francisco: „Let’s Rock“. Doch so richtig gerockt hat es nicht im Moscone Center – trotz einer Komplettüberholung der gesamten iPod-Produktlinie.
Gleich viermal wurden neue iPods vorgestellt: Einmal die eher unspektakulären Updates des iPods Classic und iPods Shuffle mit erweitertem (bis 2 GB beim Shuffle) und angepasstem Speicherumfang (nun bis zu maximal 120 GB beim Classic). Zum anderen jedoch die Upgrades der beiden Mega-Seller iPod touch und iPod nano. Die bereits vierte Generation kommt inzwischen mit sogar bis zu 16 GB, einem nochmals überholten Design und nun wieder im Hochkantformat in nunmehr zehn verschiedenen Farben daher. „Der iPod nano ist der beliebteste Digital Music Player der Welt“, resümiert Apple-CEO Steve Jobs. „Wir haben ihn zum Weihnachtsquartal noch besser gemacht.“
Das stimmt wohl. Für noch mehr Begeisterung sorgte unterdessen der Launch des iPod touch, der seinem heimlichen Vorbild – dem iPhone – nun auch optisch immer näher kommt. Tatsächlich ist der enorm verbesserte iPod touch ein legitimer iPhone-Klon – nur ohne Telefonie-Funktion. „Kein iPod macht mehr Spaß als der neue iPod touch“, glaubt Apple-CEO Steve Jobs. „Anwender können Millionen von Songs hören, Tausende von Videos anschauen und sich im App Store Hunderte von großartigen Spielen auf ihren iPod touch herunterladen.“
Das ist ein smarter Schachzug, um iPhone-interessierte Kunden zu gewinnen, die nicht den Provider wechseln oder sich für eine Vertragslaufzeit von zwei Jahren binden wollen. Fest steht bereits jetzt: Zur anstehenden Weihnachtssaison ist der iPod touch das prädestinierte Musthave-Gadget der Saison.
Verbesserter iPod touch beeindruckt die Wall Street nicht – Aktie im Sinkflug

Und doch scheint die Wall Street wenig beeindruckt vom jüngsten Apple-Event. Bei unter 150 Dollar notierte die Apple-Aktie gestern zeitweise. 203 Dollar waren es noch zum Ende des letzten Jahres – 180 Dollar immerhin erst im August.
Die Börse ist offenkundig skeptischer geworden und bewilligt für Apple immer kleinere Multiplen. 27 beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), die wichtigste Größenordnung zur Beurteilung der Bewertung einer Aktie heute. Bei gar nur 23 liegt das erwartete KGV für das nächste Geschäftsjahr, das bei Apple traditionell bereits am 1. Oktober beginnt. Ende vergangenen Jahres, als Apple jenseits der Marke von 200 Dollar ein Allzeithoch aufstellte, waren Aktionäre sogar bereit, ein KGV von mehr als 40 zu bewilligen.
Woher kommt nun die zunehmende Skepsis der Wall Street? Da ist zum einen die anhaltende Vertrauenskrise, die die Finanzmärkte rund um den Erdball erschüttert: 2008 gibt es keinen Aktienindex mehr, der im Plus notiert – die Leitbörsen in New York und Frankfurt liegen etwa beide im laufenden Börsenjahr zweistellig hinten.

Gesättigter iPod-Markt?
Andererseits jedoch deutet sich jedoch ebenfalls an, dass Anleger Apple seit den vergangenen Monaten nach und nach das Vertrauen entziehen. Das liegt zum einen an Apples Produktzyklus, der nach Jahren der beeindruckenden Innovationen inzwischen eine gewisse Reife aufweist. 1997, als Steve Jobs das einst von ihm gegründete Unternehmen nach mehr als zehnjähriger Abstinenz wieder übernahm, gelang dem visionären Apple-Gründer das schnelle Comeback mit der Einführung der iMacs. 2001 überraschte Jobs die Fachwelt mit dem iPod, der zunächst belächelt wurde, sich jedoch spätestens ab 2003 zum Mega-Erfolg auf dem Massenmarkt entwickelte. 2007 schließlich krönte Jobs seine zweite zehnjährige Amtszeit mit seinem bis dato vielleicht größten Coup dieser Dekade – der Einführung des iPhones.
Während sich das Kultprodukt nach dem Debüt der dritten Mobilfunk-Generation nun auch zum veritablen Welterfolg entwickelt, befürchten Marktexperten beim iPod zunehmend Sättigungsprozesse. In den vergangenen Monaten konnten die Absätze des beliebten MP3-Players nur noch einstellig zulegen. Der klare Zuschnitt des iPod touch auf das iPhone muss entsprechend als Schritt verstanden werden, einen Kannibalisierungsprozess zu umgehen. Trotzdem, so glauben die Analysten, dürften die Umsätze des iPods in den kommenden Jahren um bis zu 20 Prozent zurückgehen.

Anleger beunruhigt: Wie krank ist Steve Jobs?

Doch das ist nur die eine Seite der Bedenken, die wirtschaftlich kalkulierbar erscheint. Die andere jedoch ist eine Unbekannte, die Anleger rund um den Erdball seit Monaten in Atem hält. Ausgerechnet jener Mann, der Apple vor zehn Jahren erst am Leben hielt, dann in die Wettbewerbsfähigkeit zurückführte und schließlich eines der triumphalsten Comebacks in der Wirtschaftsgeschichte einleitete, wird immer mehr zur Belastung für das Unternehmen – zumindest aus der Sicht einiger kurzfristig orientierter Investoren.
So wurde dann auch diese Keynote – wie schon die Produktvorstellung des neuen iPhones im Juni – von der Diskussion über Steve Jobs’ Gesundheitszustand überschattet. Auch vor drei Tagen, an selbem Ort und an selber Stelle, sah Jobs alles andere als wohlgenährt aus. Entsprechend reißen die Gerüchte über mögliche Erkrankungen nicht ab. Verdenken kann man es verschreckten Investoren nicht: Vor vier Jahren, erst neun Monate nach dem Bekanntwerden einer seltenen Art von Bauchspeicheldrüsenkrebs, trat Jobs mit der Diagnose und der Information an die Öffentlichkeit, er habe einen operativen Eingriff durchführen lassen.
Reflexartig dachten Anleger beim Anblick des besorgniserregend dünnen Apple-CEOs im Juni an die Rückkehr des Krebses. Tagelang beherrschte das Thema die Medien. Jobs schwieg, bis ihm die Gerüchte schließlich doch zu viel wurden und er sich persönlich an einen „New York Times“-Journalisten wandte, dessen Mutmaßungen ihn besonders gereizt hatten. Den vorläufigen Höhepunkt der inzwischen immer wilderen Spekulationen um Jobs stellte im Vorfeld des „Let’s rock“-Events ein irrtümlich veröffentlichter Nachruf in Bloomberg auf Steve Jobs dar.

Steve Jobs Galgenhumor: „Die Gerüchte über mein Ableben sind sehr übertrieben“

Der Apple-CEO nahm es Dienstagvormittag sportlich und scherzte in Mark Twain-Manier zurück. „Die Gerüchte über mein Ableben sind sehr übertrieben“,  ließ Jobs im Rahmen seiner Keynote auf der Videoleinwand einblenden.
Doch trotz des Galgenhumors ist Apple-Aktionären aktuell nicht zum Lachen zumute. Die Aktie befindet sich seit Wochen im verschärften Abwärtstrend und underperformte zuletzt nicht nur die Technologiebörse Nasdaq, sie konnte auch – anders als die Index-Schwergewichte Google und Research in Motion – in den letzten beiden Tagen nicht an der Erholung der Technologiebörse teilnehmen.
Daran können kurzfristig Hedgefonds schuld sein, wie Jobs gegenüber CNBC mutmaßte („Hedge funds with a big short position in Apple“). Das Grundproblem jedoch bleibt: Der Vertrauensverlust angesichts der unklaren Lage an den globalen Finanzmärkten, die Reife in Apples Produktzyklus, vor allem aber die Sorge um die Gesundheit des CEOs belasten den Aktienkurs. „Mit Apple ist es mit wie mit den Chicago Bulls gegen Ende der Michael Jordan-Ära. So gut Scottie Pippen auch war – er war kein Michael Jordan“, erklärt der Vermögensverwalter Christopher Atayan mit Blick auf mögliche Jobs-Nachfolger.
Keine Frage: Apple ist in diesen Tagen so aufgestellt wie nie und dürfte Mitte Oktober erneut ein neues Rekordquartal und -geschäftsjahr verkünden. Die Frage, die Anleger zuletzt immer öfter umtreibt, ist jedoch inzwischen, wie lang die Erfolgsstory der vergangenen Jahre noch fortgeschrieben werden kann. Und vor allem: Ob Steve Jobs ihr Bestsellerautor bleibt. Neue iPods sind da bestenfalls ein kleines Unterkapitel.

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