Live-Ticker: Kunstform und Klickbringer

Für Internet-Verhältnisse eine Ewigkeit: Vor über einem Jahr saß ich in München im Büro von Hans-Jürgen Jakobs, dem Chefredakteur von Sueddeutsche.de, und sprach mit ihm über den Zustand des Online-Journalismus. Jakobs glaubte, dass die meisten Netz-Medien noch immer auf der Suche nach eigener Identität und nach Erzählformen sind, die dem Medium Internet gerecht werden. Ausnahmen: […]

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Für Internet-Verhältnisse eine Ewigkeit: Vor über einem Jahr saß ich in München im Büro von Hans-Jürgen Jakobs, dem Chefredakteur von Sueddeutsche.de, und sprach mit ihm über den Zustand des Online-Journalismus. Jakobs glaubte, dass die meisten Netz-Medien noch immer auf der Suche nach eigener Identität und nach Erzählformen sind, die dem Medium Internet gerecht werden. Ausnahmen: Video-Reportagen, Bildergalerien und … Fussball-Live-Ticker. Eine heute noch aktuelle Zustandsbeschreibung.
Ein interessanter Nebenaspekt des Gespräches war die Würdigung des Live-Tickers. Denn diese Form der Online-Berichterstattung ist eine echte Web-Innovation. Mit dem Live-Ticker – dem geschriebenen Äquivalent zur TV- oder Radio-Übertragung –entstand im Netz eine neue journalistische Form. 
Bezeichnend für die Wertschätzung vieler Online-Redaktionen ist jedoch, dass die Kommentierung von Fußballspielen und anderen Sport-Highlights nicht von den Sport-Redakteuren gemacht wird, sondern fast immer von Studenten oder günstigen freien Autoren, für die die Live-Reportagen mehr Passion als Nebenjob sind.
Sobald an diesem Wochenende wieder der Ball in den Bundesliga-Stadien rollt, spielt sich auf allen Nachrichten- und Sport-Portalen das selbe Bild ab. Sie schieben ihre Live-Ticker auf der Startseite in den Vordergrund – mit Recht. Denn ein gut geschriebener Live-Bericht entfaltet schnell eine ganz eigene Spannung. Wer allerdings während der Übertragung die News-Seiten wechselt, wird feststellen, oftmals den selben Text zu lesen. Denn kaum eine Redaktion leistet sich einen eigenen Ticker, sondern kauft die Live-Berichte lieber ein. Anbieter sind die dpa, Kicker Online, Sport1 oder Sportal.
Aber nicht nur als eigene journalistische Form und Lizenz-Produkt taugen die Live-Notizen, sondern auch als Klickbringer. Beim Blick auf die August-Zahlen der IVW wird schnell klar, was der Bundesligastart für die Sportportale bedeutet. Kicker.de verzeichnete ein Plus von 71 Prozent und Sportal sogar von 188 Prozent.

Der Live-Ticker ist jedoch nicht ausschließlich in der Hand von Online-Redaktionen. Bei viele deutschen Profivereinen gibt es Fanprojekte, die einen eigenen – garantiert parteiischen – Live-Ticker produzieren. Darüber hinaus gibt auch Sport-begeisterte Blogger wie Dogfood, die gerne und oft einen eigenen – vorzüglichen – Bericht verfassen. 

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