Nick: Fernsehen und Web 2.0 für Kids

Drei Jahre nach seiner Gründung hat sich der TV-Sender Nick neben den Rivalen Super RTL und Kika im Markt etabliert und plant neue Programme für 2009 – unter anderem eine junge Dokusoap für den Vorabend, damit die Älteren nicht zu den Soaps der großen Privatsender umschalten. Web 2.0-Videos von Nick-Zuschauern sollen im nächsten Jahr täglich auf Sendung gehen. Dazu stellt Viacom die Nick-Inhalte auf den unterschiedlichsten Plattformen im Netz zur Verfügung, unter anderem im iTunes-Shop.

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„Hier kommt unser Dance-Move“, verspricht ozgun98. Dann dröhnt schon die Musik los, die Kamera wackelt und in einem engen Zimmer turnen drei Jungs auf dem Boden vor, was sie sich bei den Großen angeschaut haben: Breakdance. Ozgun98 ist schätzungsweise zehn Jahre alt, aber mit der Videokamera kennt er sich wahrscheinlich besser aus als der Papa. Das Video von sich und seinen Freunden hat er im Internet hochgeladen, allerdings nicht auf Youtube, wo es längst zwischen all den anderen untergegangen wäre. Sondern bei iCarly.de – einer Seite des Kindersenders Nick.

Seit diesem April zeigt Nick in Deutschland die amerikanische Serie „iCarly“, in der eine Achtklässlerin mit ein paar Freunden ihre eigene Internetshow produziert. Im Fernsehen laufen die (geskripteten) Folgen, die Videos allerdings, die darin entstehen, können sich die jungen Zuschauer tatsächlich im Netz ansehen und – wenn sie Lust haben – eigene Videos drehen, die hochgeladen werden und nachher in der Show im Fernsehen auftauchen. Die Videos der Zuschauer in Deutschland lassen sich nicht so leicht in die Sendung integrieren. Aber das hat der Mitmach-Begeisterung nicht geschadet: 20.000 Videouploads wurden in der deutschen Nick-Zentrale in Berlin seit April 2008 gezählt. „Dieses Potenzial wollen wir nutzen und die Clips der Kinder im nächsten Jahr täglich im Umfeld von ‚iCarly‘ auf den Sender bringen“, kündigt Oliver Schablitzski, Vice President beim deutschen Nick, an. Wer sagt denn, dass Web 2.0 nur Erwachsenen Spaß macht?

Aufholjagd zu den großen Konkurrenten

An diesem Freitag feiert der Viacom-Kanal in Deutschland sein dreijähriges Bestehen. Nach einem erfolglosen Launch im Jahr 1995 und der Einstellung des Kanals drei Jahre später hat sich die Neugründung 2005 als Erfolg erwiesen. Im vergangenen Jahr erreichte Nick bei den jungen Zuschauern von 3 bis 13 Jahren 9,3 Prozent Marktanteil in der Kernzeit von 6 bis 20.15 Uhr. In diesem Jahr waren es bis Ende August bereits 10,3 Prozent. Die Konkurrenten Super RTL und Kika folgen noch immer mit deutlichem Abstand (im August 2008: 22,9 und 19,6 Prozent von 6 bis 20.15 Uhr). Aber nach so kurzer Zeit hat Nick eine ganz beachtliche Aufholjagd hingelegt.

Dass sich die drei Sender die Marktanteile zum Teil gegenseitig streitig machen, versteht sich von selbst – bei den älteren Kids sind die Hauptkonkurrenten aber vor allem die Soaps und Telenovelas der großen Privatsender. „Dokusoaps sehe ich für Nick klar als strategisches Mittel, um am Vorabend konkurrieren zu können“, sagt Schablitzki, der den Sender seit dem Weggang von Markus Andorfer Ende des vergangenen Jahres leitet und vor anderthalb Jahren ausgerechnet vom Konkurrenten Super RTL gekommen war.

Dokusoap für den schwierigen  Vorabend

Vor der EM testete Nick bereits die selbst produzierte Dokusoap „Torpiraten“, in der es um eine Kölner Jugendfußballmannschaft ging, die für den „Pokal der Champions“ kämpft. Das hat vor allem den Älteren gefallen. Schablitzki: „Fast keiner Zeichentrickserie gelingt es, noch die 10- bis 13-Jährigen zu erreichen. Aus den ‚Torpiraten‘ haben wir gelernt, dass das mit Dokusoaps aber sehr gut funktioniert. Im nächsten Jahr wird es definitiv ein neues Konzept geben.“

Mit Eigenproduktionen hat sich der Viacom-Sender bisher eher zurückgehalten und stattdessen auf Einkäufe und Serien aus dem internationalen Nick-Verbund gesetzt. Kontinuierlich im Programm ist die Show „Alles Nick“, moderiert von Bürger Lars Dietrich und Nele Panghy-Lee, die inzwischen in einer längeren Fassung am Wochenende läuft. Ab kommenden Samstag bekommt „Alles Nick“ noch einen größeren Rahmen und wird in Themenwochenenden eingebettet, an denen sich alles um einen bestimmten Schwerpunkt dreht – um wilde Tiere samt Haifütterung im Sealife-Center oder ums Skateboarden.

„Spongebob“ albert künftig nur noch für Nick

Als weitere Neuerung geht im Oktober die aus Kanada stammende Serie „Ghost Trackers“ auf Sendung: In der Spielshow werden Kinder-Teams in vermeintliche Spukhäuser geschickt und müssen herausfinden, was es mit dem Haus auf sich hat. „Ghost Trackers“ ist nicht als alberner Gruselspaß angelegt, sondern will echte Geschichten erzählen – zum Beispiel die eines Leuchtturms, in dem sich früher einmal Schmuggler versteckt haben. „Die Kinder beschäftigen sich mit ihren eigenen Ängsten und sehen, dass solche Ängste oft ganz rational erklärbar sind“, glaubt Senderchef Schablitzki. Wenn die Serie Erfolg hat, will er eigene Folgen für Deutschland drehen lassen.

Ganz besonders freut man sich bei Nick auf den kommenden Juli: Dann läuft die Lizenz für Super RTL aus, Folgen der Viacom-Erfolgsserie „Spongebob“ zu zeigen. Der Schwammkopf schwirrt dann exklusiv bei Nick über den Bildschirm. Das soll im Sommer angemessen zelebriert werden.

Die Aussichten für den Kinderwerbemarkt hingegen sind nicht ganz so klar: Immer wieder wird in der Politik über ein Verbot von Werbung für Kinder, zumindest aber für Werbung, die Dickmacher propagiert, diskutiert. Bisher gibt es keine konkreten Szenarien, in denen ein solches Verbot durchgesetzt werden könnte. Doch allein die Diskussion hat dafür gesorgt, dass einige Hersteller von Süßwaren sich bereits mit Werbung für jüngere Zielgruppen zurückhalten. Und der Markt für Video-Ads im Internet, die in  Bewegtbildhalte integriert werden, wächst erst langsam. Nick etwa zeigt ganze Folgen seiner Serien kostenlos im Netz und bietet Werbepartnern vorgeschaltete Spots an. Auf einen relevanten Anteil am Umsatz kommen die Video-Ads derzeit noch nicht: „Aber natürlich wird es irgendwann eine Verschiebung der Werbung vom Fernsehen ins Internet geben – genau deshalb muss man diesen Markt frühzeitig besetzen, um dann abschöpfen zu können, wenn es soweit ist.“

Verwertungskette statt Programmplan

Zusätzliche Umsätze generiert Nick, indem Inhalte auf anderen Verwertungsplattformen zur Verfügung gestellt werden – bei der Pro-Sieben-Sat-1-Videoplattform Maxdome etwa, oder im iTunes-Shop, über den gegen Bezahlung ganze „Spongebob“-Folgen heruntergeladen werden können. Außerdem hat Viacom auf der Satellitenplattform Premiere Star den Pay-TV-Kanal Nick Premium gelauncht. Vor einer Woche ist zudem „Club Nick“ freigeschaltet worden, eine Website mit Lernspielen und -inhalten, die gegen eine monatliche Gebühr freigeschaltet und in Kooperation mit dem Cornelsen-Verlag sowie der Deutschen Presse Agentur betrieben wird. 20.000 Registrierungen von Probetestern verzeichnete die Site in den ersten vier Wochen – wieviele als Kunden übrig bleiben, lässt sich noch nicht beziffern.

In einem ist sich Schablitzki jedoch sicher: „In Zukunft ist nicht mehr nur der Programmplan im Fernsehen maßgeblich, sondern eine optimale Verwertungsstrategie, die bei Video-on-Demand-Inhalten beginnt und über Pay TV zum Free TV führt. Nick hat alle Plattformen, die es dafür braucht.“ Und offenbar längst auch Zuschauer, die sich auf diesen Plattformen bestens zurechtfinden.

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