„View“ – auf Augenhöhe mit dem Mittelmaß

Huch, was ist denn das? Lag doch unangefordert Gruners Foto-Heft „View“ im Briefkasten. Was wollen die Damen und Herren der Pressestelle damit sagen? Vielleicht, dass ich mich mit dem, mit einigen Hoffnungen gestarteten, „stern“-Ableger mal befassen soll. Bittesehr, wird sofort erledigt. Zunächst mal: Das Blatt in seinem großen Format liegt gut in der Hand, wirkt  […]

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Huch, was ist denn das? Lag doch unangefordert Gruners Foto-Heft „View“ im Briefkasten. Was wollen die Damen und Herren der Pressestelle damit sagen? Vielleicht, dass ich mich mit dem, mit einigen Hoffnungen gestarteten, „stern“-Ableger mal befassen soll.

Bittesehr, wird sofort erledigt.

Zunächst mal: Das Blatt in seinem großen Format liegt gut in der Hand, wirkt  schön hochwertig. Und was lockt auf dem Cover? Das ist eher so naja. Gisele Bündchen als angeblich schönste Geschäftsfrau der Welt, ein Typ, der in Sachsen einen Felsen runterhüpft, Heath Ledger ohne Joker-Make-up UND: „Karl Lagerfeld – unbekannte Bilder des Mode-Genies“. Das ultraschwule Foto von Onkel Karl im Badeanzug hätte ich mir größer gewünscht. Ein Hingucker. Leider werden die Erwartungen an weitere Bilder dieser Güte im Innenteil nicht erfüllt. Gerade mal ein weiteres erwähnenswertes Foto von KL mit Vollbart gibt es dort zu bestaunen.

Für ein Magazin mit Namen „View“ ist mir das Cover aber viel zu kleinteilig und 08/15-mäßig geraten. Warum die Titelseite nicht für ein riesiges Superfoto freiräumen? Vielleicht weil man sich den beliebigen Claim „Die besten Bilder des Monats“ zurechtgelegt hat. Vom ursprünglichen Konzept des inzwischen entfleuchten Gründungschefredakteurs Tom Jacobi hat sich „View“ ohnehin ziemlich entfernt. Jacobi wollte zu Beginn ein opulentes Foto-Magazin machen, in dem er Bilder sprechen lässt und fast ohne Text auskommt. Beim Verlag haben sie dann sehr schnell Angst vor der eigenen Courage bekommen, hektisch die Mafo-Maschine angeschmissen und viele Fuzzel-Texte dazugedichtet. „View“ ist heute leider ein bisschen wie der „stern“, nur weniger aktuell und mit schlechteren, kürzeren Texten. 

Dafür mit 3,30 Euro recht gesalzen im Preis. Als echtes, hochklassiges Foto-Magazin müsste man den Heftpreis freilich noch deutlich nach oben schrauben. Aber dann geht ja die Auflage runter und was sagen die Anzeigenkunden dazu … Man hat es heutzutage nicht leicht als Verlagsmensch, will man wie „View“ das Mittelmaß bedienen. Das macht der olle „stern“ immer noch am besten. Zuletzt wurde bei „View“ im Mai das Format vergrößert, eine Klammerbindung eingeführt und besagter Claim dazu erfunden. Einen neuen Chefredakteur hat „View“ seit Jacobis Abgang nicht bekommen. Den Job als Redaktionsleiter macht „stern“-Nachrichtenchef Hans-Peter Junker nebenher mit. Oh, oh. Hohe Relaunch-Frequenz, nicht wirklich berauschende Zahlen (124.179 verkaufte Exemplare im 2. Quartal) und unaufgefordertes Zusenden von Ansichtsexemplaren an Medienjournalisten – allzu hohe Wetten auf die Zukunft von „View“ würde ich nicht mehr abschließen. Eine vertane Chance.

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