„einestages“: mutiges Magazin-Experiment

Die Print-Version der Zeitgeschichts-Community von Spiegel Online, einestages.de, liegt seit Dienstag erstmals am Kiosk. Die Retro-Zeitschrift "einestages" bedient sich dabei ausgiebig aus dem Fundus des Online-Angebots. In einem eher zurückhaltenden Layout hat die Redaktion unter dem Motto "Wie wir wurden, was wir sind" zusätzlich neue Geschichten produziert. Schwerpunkt der Ausgabe ist das Lebensgefühl ("Geile Zeit") der 80er Jahre. MEEDIA hat sich die Premieren-Ausgabe genau angeschaut.

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Am Anfang der Begegnung mit der Zeitschrift „einestages“ steht ein Missverständnis. Aus irgendeinem Grund kam die Botschaft an, das Heft würde sich monothematisch mit den 80er Jahren befassen. Vielleicht Wunschdenken. Die lustigen 80er sind aber immerhin Titel-Geschichte und nehmen breiten Raum im Heft ein, inklusive Zeitleiste, einem Besinnungsaufsatz von Markus („Gib Gas, ich will Spaß“) über seine Zeit als Star der Musikrichtung Neue Deutsche Welle, Tschernobyl und Boris Becker. Udo Lindenberg erhebt seine publizistische Stimme und schreibt, aufgezeichnet von einestages.de-Macher Florian Harms , über seine besondere Beziehung zum damaligen DDR-Staatsoberhaupt Erich Honecker, den Lindenberg-Fans aus seinen Texten besser als „Oberindianer“ kennen. Sogar der Leiter der „Spiegel“-Kantine musste für „einestages“ kurz den Kochlöffel aus der Hand legen und eine Seite über die kulinarischen Irrungen, Wirrungen jener Zeit zu Papier bringen. Wer in den 80ern groß geworden ist, und das sind wegen der geburtenstarken Jahrgänge so einige, der darf hemmungslos in Nostalgie schwelgen. Am besten gefallen die Stücke, als junge Leute ihre Beziehung zum „ewigen“ Kanzler Helmut Kohl beschreiben und eine herrliche Schwarz-weiß-Bilderstrecke über die 80er Jahre im Ruhrgebiet, inklusive Herrensitzung in Recklinghausen samt Ringelpiez mit Anfassen.

Dann die Überraschung: Huch, die 80er sind schon vorbei, aber das Heft geht weiter. Und zwar mit Ressorts. Die heißen „Deutschland“, „Technik“ und „Kultur“, wobei ein wenig rätselhaft erscheint, warum die Augenzeugenberichte zur Tsunami-Katastrophe in Asien unter „Deutschland“ laufen. Okay, es sind Deutsche, die hier ihre Erlebnisse erzählen, und unter „Technik“ oder „Kultur“ hätte es auch nicht gepasst. Aber so recht mag das Ressort-Korsett nicht zum zeitgeistigen Erlebnis-Ansatz des Projekts passen. Und hier kommt auch schon die Kritik: „einestages“ ist zu sehr einer traditionellen Zeitschriften-Machart verpflichtet. Es beginnt alles mit kleinteiligen, „magazinigen“ Seiten, für die sich die Redaktion mehr oder weniger originelle Rubriken ausgedacht hat. So muss man beispielsweise raten, welche drei Brillengestelle auf welche drei Köpfe gehören und das ganze nennt sich dann „Fassungsgericht“. Dann folgt die Titelstrecke, dann die Ressorts, am Schluss wieder ein bisserl Kleinteiliges und Ende. Das Layout ist dabei, wohlwollend formuliert, konservativ. Viele Bilder sind schlicht zu klein. Mehr großformatige Bildstrecken hätten dem Nostalgie-Touch des Heftes besser angestanden.

Die Texte sind dabei, soweit beim ersten Durchgang gelesen, von ordentlicher Qualität. Es ist aber auch nicht so, dass es einen vor Begeisterung aus dem Sessel haut. Mehr schöne Bilder, bisschen weniger, dafür noch besserer Text – das steht auf dem Wunschzettel, sollte es eine zweite Ausgabe geben. „einestages“ erscheint in einer Druckauflage von 200.000 Exemplaren und kostet stolze 4,80 Euro. Die werbetreibende Industrie hält sich noch zurück. Einmal Hilfiger, einmal Vodafone, eine Direktanzeige für das Magazin „Damals“, die nach Gratis-Zugabe riecht, und eine Anzeige von Sony BMG für eine Elvis Doppel-CD. Das war’s mit den Anzeigen. Sehr mager für 132 Seiten. Die Elvis-Anzeige wurde zudem von der Redaktion freundlich flankiert mit einer großen, zum Thema passenden Geschichte. Was zuerst da war, die Geschichte oder die Anzeige, das Huhn oder das Ei, das kann man sich überlegen.

So ist „einestages“, das Heft, auf jeden Fall ein mutiges Experiment, inhaltlich und optisch durchaus ansprechend. Setzt man die Markt-Brille auf, tauchen aber reichlich Fragezeichen auf. Das Heft dürfte wegen der stets wechselnden Themen keine homogene Zielgruppe ansprechen und für einen großen General-Interest-Titel vom Schlage „stern“ reicht die Substanz nicht. Nischenprodukte ohne klar definiertes Nischenpublikum mag die Anzeigen-Industrie aber nicht. Dazu der hohe Copypreis, der eine Hürde darstellt, um ein gewisses Momentum bei der Auflage zu erreichen. Man darf gespannt sein, ob auf diese Premiere eines Tages eine Fortsetzung folgt.

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