Michelle: Justiz prüft Verfahren gegen „Bild“

Nach dem Bruch der Nachrichtensperre im Mordfall Michelle durch die "Bild"-Zeitung ermittelt die Leipziger Staatsanwaltschaft. Der Vorwurf: Verrat von Dienstgeheimnissen. Die undichte Stelle wird bei den Ermittlungsorganen selbst vermutet. Auch gegen "Bild"-Reporter bestehe ein "Anfangsverdacht", so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Leipzig, Ricardo Schulz, zu MEEDIA. "Bild"-Chef Kai Diekmann weist in einem offenen Brief an Leipzigs Polizei-Präsidenten alle Vorwürfe scharf zurück.

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Wie die „Bild“-Reporter an die Informationen gelangt sind, ist noch nicht genau geklärt. Aber: „Wir gehen nach aller kriminalistischer Erfahrung davon aus, dass diese detaillierten Informationen nur aus Ermittlerkreisen stammen können“, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. „Wir werden auch prüfen, ob Journalisten sich der Anstiftung oder Beihilfe zum Verrat von Dienstgeheimnissen schuldig gemacht haben.“

Durch die „Bild“-Berichterstattung sieht die Staatsanwaltschaft „die Ermittlungsmaßnahmen konkret gefährdet“. Eine Sprecherin der Leipziger Polizei sagte zuvor gegenüber Spiegel online: „Uns hat man damit bei der Fahndung nach dem Täter alles andere als einen Gefallen getan.“
Staatsanwalt Schulz betonte gegenüber MEEDIA: „Die Anzeige soll auch ein deutliches Signal sein“. Darüber hinaus fragt sich Schulz: „Was tut man eigentlich dieser Familie mit dieser Berichterstattung an?

Der Sprecher der „Bild“-Zeitung, Tobias Fröhlich, wollte gegenüber MEEDIA zu den Vorfällen zunächst keine Stellungnahme abgeben, verwies auf eine schriftliche Erklärung.

In ihrer Dienstagsausgabe hatte die „Bild“-Zeitung unter dem Titel „Die Wahrheit über Michelles Tod“ Details aus dem gerichtsmedizinischen Obduktionsbericht veröffentlicht. Demnach ist die Achtjährige vom Täter vor ihrem Tod sexuell missbraucht und misshandelt worden. Auch zu den konkreten Umständen fanden sich Einzelheiten in den „Bild“-Artikeln.

Dieses sogenannte Täterwissen wird von Ermittlern in der Regel zurückgehalten, damit in Verhören die Aussagen von „Trittbrettfahrern“ von tatsächlichen Tätern unterschieden werden können. Zudem kann die Veröffentlichung von Details eines Verbrechens Täter über den Kenntnisstand der Polizei informieren und damit vorwarnen.

Das Mädchen war am Montag vor zwei Wochen verschwunden und vier Tage später tot aufgefunden worden. Am darauffolgenden Wochenende verhängte die Polizei eine Nachrichtensperre. Die „Bild“-Zeitung verbreitete Details dennoch in ihren Regional- und Bundesausgaben.

Am Mittwoch hatte auch die „Dresdner Morgenpost“ die Nachrichtensperre ignoriert und eine komplette Seite mit dem Titel: „Michelle: das Protokoll ihres grausamen Todes“ gedruckt.

Im offenen Brief an den Leipziger Polizei-Präsidenten Horst Wawrzynski bestreitet „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, bei der Berichterstattung rechtliche Grenzen überschritten oder Schaden angerichtet zu haben. „Bild“ habe „berichtet, dass Michelle erstickt und missbraucht wurde. Das ist keine Information, die dem Täter bei der Verwischung von Spuren helfen könnte … Darüber hinaus stand der Verdacht des Missbrauchs schon vorher im Raum.“ Diekmann verschweigt allerdings dabei, dass „Bild“ auch Einzelheiten des Tathergangs und der Tatorte publik gemacht hat.

Weiter wirft Diekmann dem Sprecher der Polizei vor, eine „Nachrichtensperre herbeifabuliert“ zu haben. Eine Nachrichtensperre, so Diekmann, „können Behörden oder Unternehmen nur mit Wirkung für ihre eigenen Mitarbeiter verhängen, nicht aber mit Wirkung für die Presse.“

Diekmann beruft sich bei der „Michelle“-Berichterstattung auf die „Kernaufgabe der Presse, über wichtige, das Gemeinwesen betreffende oder beunruhigende Entwicklungen und Ereignisse zu berichten“. Vielmehr sei „gerade bei schleppenden Ermittlungen die Presse gefordert, um auch eventuelle Defizite bei der Tätersuche benennen zu können.“

Dass der Sprecher des Polizei-Präsidenten die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung als „Zumutung für die Eltern“ bezeichnet habe, hätte dieser in seiner Dienstfunktion gar nicht äußern dürfen: „Wenn der Begriff ‚Zumutung‘ eine innere Berechtigung hat, dann vornehmlich für die Äußerungen Ihres Sprechers und dessen Verständnis von Pressearbeit.“ Unklar ist, ob diese Äußerung tatsächlich von einem Polizeisprecher stammt oder sich auf die Aussage des Sprechers der Staatsanwaltschaft, Ricardo Schulz bei MEEDIA bezieht. Schulz ist dem Polizei-Präsidenten nicht unterstellt.

Der Hamburger Medienrechtsanwalt Dirk-Hagen Macioszek sieht indes für eine mögliche strafrechtliche Verfolgung nur wenig Chancen. „Der Nachweis einer Anstiftung zur Preisgabe von Dienstgeheimnissen“, so der Jurist zu MEEDIA, „wird nicht einfach werden. Im unwahrscheinlichen Fall einer Verurteilung würde wohl höchstens eine Geldstrafe verhängt werden.“

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