adTunes streamt riesiges Musikarchiv

Die Zukunft, in der auch der gezielte Musikkonsum nichts kostet, wird in Kürze Gegenwart. adTunes ist der erste Streaming-Service in Deutschland, der es erlaubt, Musik nach Belieben abzuspielen. Wenn das Portal am 2. Juli um 16 Uhr mit 100.000 registrierten Nutzern in die (nicht wirklich) "geschlossene" Beta-Phase geht, wird das Repertoire eines Majors und mehrerer Independent-Labels zur freien Verfügung stehen. Der Zugriff ist auch mit dem Mobiltelefon möglich.

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Als einziges Major Label hat Sony BMG seinen – gesamten – Katalog geöffnet. Dazu ist mit Kontor New Media, MTunes und finetunes noch das Repertoire von drei kleineren Labels verfügbar. Schon jetzt umfasst die Datenbank mehrere hunderttausend Musiktitel in guter Qualität, mit bis zu 320 kbps. Die können mit einem intuitiv zu bedienenden Player beliebig oft und in voller Länge abgespielt werden. Die Stücke lassen sich zu Playlists zusammenstellen, die bei adTunes „Channels“ heißen. Das alles funktioniert nicht viel anders, als zu Hause am Computer.

Es sind schwere Zeiten für die Musikindustrie, Tauschbörsen und Schwarzkopieren zwingen sie zu schmerzhaften Kompromissen; die Label-Manager wissen, dass sie jetzt handeln und neue Vertriebswege ausprobieren müssen.

Der Kompromiss à la adTunes heißt: gratis ja, Download nein. Und vor allem gibt es ein Erlös-Konzept: Werbung. Nach einigen Stücken spielt das Portal dem Hörer einen Clip vor. Die Einspielungen waren beim Pre-Beta-Test von MEEDIA übrigens relativ kurz. Neben dieser Audio-Werbung finanziert sich adTunes mit Werbebannern und -Videos. Das Unternehmen arbeitet mit personalisierter Werbung. Je mehr persönliche Daten der Hörer preisgibt, desto mehr Funktionen werden freigeschaltet.
Die Daten zu den abgespielten Titeln leitet adTunes an die Plattenfirmen weiter, auf der Grundlage dieser Informationen führen die Labels Tantiemen an die Künstler ab. So ergibt sich die kuriose Tatsache, dass die Künstler an dem Gratishören Geld verdienen.
Und was gibt es nun zu hören? Die Menge der Musik ist beim ersten Besuch schlichtweg erschlagend. adTunes wirkt wie ein Füllhorn. Wer etwa den Katalog nach Künstlern filtert und auf den Buchstaben „M“ klickt, bräuchte einen Bildschirm mit einer Auflösung von 1.280 x 109.568 Pixel, um nicht scrollen zu müssen.

Und doch gibt es ohne die drei anderen Major-Labels noch gewaltige Lücken im Welt-Repertoire. Denn Universal, Warner und EMI lizensieren ihre Kataloge nicht an adTunes. Keine Whitestripes (Independent), nicht Joni Mitchell (Warner). Und auch nicht Tool, und das, obwohl die Band bei Sony BMG ist (offenbar ist nicht der gesamte Katalog freigegeben).

Aber wir wurden durch andere Künstler entschädigt. Nicht zuletzt durch klassische Musik: Das Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken spielt Schostakowitsch‘ Siebte, das Alban Berg Quartett Brahms Opus 67. Ausgesprochen lästig war allerdings, dass am Ende jedes Stückes aus dem Player der immergleiche Justin Timberlake-Song dröhnte.

Die Website ist angenehm klar und übersichtlich gehalten. Constantin Thyssen, der Geschäftsführer von adTunes, verspricht „ein revolutionäres Design, das die emotionale Kraft der Musik und den Künstler in den Vordergrund stellt. Die Seite passt sich vom Layout stets dem aktuellen Song an“. Wir stellten fest, dass im Seitenhintergrund das jeweilige CD-Cover angezeigt wird.
Eine besonderer Service-Vorteil ist die Schnittstelle für mobile Geräte. Mit einem Handy, das Flash und W-Lan beherrscht, hat der Nutzer weltweit Zugriff auf sein adTunes-Konto – und damit auf eine gigantische Musikbox.

Im Juli hat sich Adtunes in „Roccatune“ umbenannt. Zuvor hatte Apple eine Schadensersatzklage angedroht, weil der Name eine zu große Ähnlichkeit mit dem Markennamen „iTunes“ aufweise. Über den neuen Namen hat Adtunes seine Nutzer abstimmen lassen.

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