Kann Community die Musikindustrie retten?

Die Musikindustrie hat die neuen digitalen Entwicklungen verschlafen ‒ und befindet sich deshalb in der Krise. Das sagt Joachim Scheurer, Kanzler der Macromedia Fachhochschule der Medien München (MFM), im Interview mit MEEDIA. Der Bedrohung durch Digitalkopien begegnete die Branche bislang mit Repressalien. Innovative Konzepte hat sie selbst nur in Ansätzen entwickelt. An der MFM wurde deshalb ein neuer Studiengang für die Musikmanager der Zukunft eingerichtet.

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MEEDIA: Hat der Beruf des Musikmanagers noch eine Zukunft?
Joachim Scheurer: Aussterben wird er sicherlich nicht, aber er steht vor ziemlichen technologischen Veränderungen. Die alten Distributionswege funktionieren nicht mehr.

Wie muss sich das Berufsbild verändern?
Ich glaube, wenn man Musikmanager ausbildet, die mit dem Internet umgehen können und die Distributionsmöglichkeiten des Internets begreifen und beherrschen, dann wird auch die Musik wieder kommen.

Hätte die Musikbranche etwas tun können, um die derzeitige Krise zu verhindern?
Sie haben im Grunde genommen den gesamten Internet-Hype verschlafen, sie haben proprietäre Formate entwickelt und versucht, diese zu halten. Ich glaube, Musik wird immer gehört werden. Aber man muss andere Distributionswege beschreiten und andere Verwertungsmodelle entwickeln. Die funktionieren nicht mehr über den CD-Verkauf im Laden.

Welche Fehler hat die Musikindustrie gemacht?
Sie hat zum Beispiel gegen Napster geklagt. Statt solche neuen Entwicklungen anzunehmen und umzusetzen, hat man versucht, diese mit juristischen Mitteln aus dem Wege zu räumen – und war natürlich unterlegen. Die Musikindustrie konnte sich gegen das Raubkopieren und Verbreiten von Musik in keiner Weise wehren, so dass durch die vielen Kopien, die im Netz zirkulieren, ihre Musik entwertet worden ist. Sie hat den technologischen Trend vollkommen verschlafen.

Ist es möglich das Problem von illegalem Filesharing und Raubkopieren mit juristischen Mitteln zu lösen?
Das hängt vom Einsatz ab, den die Legislative da fahren will. Man kann das technisch und mit staatlichen Mitteln durchsetzen. Ob der Wille dazu da ist, ist allerdings die Frage. Ich glaube, es wird eine ganze Reihe von Schauprozessen geben. Aber man wird das Ganze nicht packen können. Ich glaube, man muss gewissermaßen mit den Wölfen heulen: Wege finden, mitgehen, statt dagegen anzugehen.

Funktionieren Konzepte, die Musik gratis anbieten und sich allein über Werbung finanzieren?
Das muss man noch beobachten. Es kann funktionieren, wenn der Community-Charakter mit dabei ist, also wenn man noch ein bisschen Mehrwert bietet außer Musik.

Werden die Konsumenten in Zukunft überhaupt noch für Musik bezahlen wollen?
Ich glaube schon. Man sieht ja, dass einige Download-Stationen gutes Geld verdienen, wenn das Angebot günstig genug ist. Es muss technisch gut funktionieren und einfach sein, es muss einen hohen Service bieten und man braucht eine sehr große Musikauswahl. Der Nutzer muss finden, was er sucht.

Heißt das Rezept „Community“?
Es funktioniert einfach nicht mehr nur über Musik, sondern es geht auch um Service und Community. Dann kann man Internet-Plattformen schaffen, die auch funktionieren.
Nehmen wir die klassische Musik: Auch jüngere Leute würden klassische Musik downloaden, wenn sie da entsprechende Zusatzinformationen und Austausch finden würden. Mehr Service heißt die Devise.

Sehen Sie dafür schon Ansätze?
Ich habe bisher noch kein Portal gesehen, das einen Nutzen bietet wie gewisse Video-Plattformen oder etwa Google.

Wird sich angesichts der vielen Streaming-Dienste die Vorstellung ändern, Musik zu besitzen?
Es wird künftig beides geben: Man wird Musik – ähnlich wie beim Radio – einfach nur hören; man wird aber Musik auch haben wollen, um sie auf anderen Geräten nutzen zu können, etwa auf dem MP3-Player.

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