„Bei Zoomer gibt es nur Top-Storys“

Keine Ressorts, viele Bilder, kaum Text und jede Menge Nutzer-Beteiligung: Im Februar trat Zoomer an, eine neue News-Logik einzuführen. Viel wurde über das Holtzbrinck-Projekt gespottet. Mit über 4,4 Mio. Besuchern pro Monat gelang es Chefredakteur Frank Syré dennoch, die Seite zu etablieren. Im MEEDIA-Interview verrät er, warum er das Portal umgebaut hat, warum es noch keine Kooperation mit StudiVZ gibt, und warum sich die arrivierten Medienhäuser ändern müssen, wenn sie jüngere Leser erreichen wollen.

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Wann kommt der Relaunch?
Wenn wir fertig sind.

Wann werden Sie denn fertig sein?
Weiß ich noch nicht. Wir sind ergebnisoffen in die Entwicklung gestartet. Wir haben keinen Zeitplan. Wichtig ist, dass uns das Resultat überzeugt. Es gibt aber einen Korridor, der zwischen Mitte Oktober und Ende November liegt.

Ich dachte, der Relaunch kommt im August?
Das war unsere erste Annahme, aber dann haben wir gesehen, dass wir einiges grundlegender anpacken müssen. Das lässt sich nicht mit Kosmetik machen, sondern das sind tiefere Eingriffe. Von daher war der August-Termin schnell vom Tisch.

Sie hatten die User dazu aufgerufen, zwischen zwei Layout-Entwürfen zu wählen. Für welchen haben Sie sich entschieden?
Das Abstimmungsergebnis war nicht eindeutig. Jetzt wursteln wir beides zusammen.

Was kann man von dem Relaunch erwarten?
Man kann erwarten, dass Zoomer.de Zoomer.de bleibt. Unsere gesamte Hintergrund-Logik, die User-Beteiligung, das alles werden wir beibehalten. Auch an der grundlegenden Struktur und dem Auftrag der Redaktion ändert sich nichts. Wir wollen es dem User nur einfacher machen, mit unserem Konzept umzugehen.

Was macht Zoomer denn anders als eine klassische Redaktion?
Wir arbeiten ohne Ressortzuteilung. Wir machen über den Tag drei Konferenzen und legen die Themen fest. Da brauchen wir einfach keine zwei Leute, die in einem Wirtschaftsressort sitzen, und Wirtschaft vor sich hin produzieren. Wenn wir keine Business-Top-Themen haben, dann krallen die sich eine andere Geschichte. Der große Vorteil: So haben wir keine B- oder C-Geschichten.

Es gibt bei Zoomer also nur Top-Storys?
Ja.

Wie viel Einfluss haben die Leser? Sie sind aufgerufen, jede Nachricht nach Wichtigkeit zu benoten.
Das ist bei uns ein Zusammenspiel. Die eine Hälfte gibt die Redaktion vor, indem sie die Nachrichten nach Aktualität einstellt. Die andere Hälfte des Hebels haben die User in der Hand. Je mehr sie sich in einem Thema bewegen, je mehr sie klicken, je mehr sie kommentieren, umso relevanter erachten wir den Artikel.

Geben Sie damit nicht eine der wichtigsten journalistischen Kernkompetenzen – das Bewerten und Gewichten von Nachrichten – aus der Hand?
Nein. Das Vorschlagswesen liegt noch immer auf unserer Seite.

Verstehen die User diesen neuen Ansatz? Oder ist Zoomer für sie einfach nur eine weitere Nachrichtenseite.
Ich glaube schon, dass die User den Ansatz verstehen. Das zeigen alleine die unzähligen Kommentare und auch die Marktforschung, die wir zum Relaunch gemacht haben. Die User sind begeistert dabei.

Wenn sie schon Marktforschung betrieben haben, dann sagen Sie doch mal wie der typische Zoomer-Leser aussieht?
Momentan sind wir noch ein wenig zu alt für unsere Ziele. Wir kommen derzeit auf einen Schnitt von 29 Jahren. Wir haben ein leichtes Frauenübergewicht. Logisch, dass bei diesem Alter das Einkommen noch nicht so hoch ist.

Aber eigentlich wollten Sie doch eine noch jüngere Zielgruppe erreichen.
Angetreten sind wir mit Ziel, einen Altersschnitt von 26 Jahren zu bekommen. Dafür fehlt uns noch die nötige Nutzer-Masse. Die wird aber erst kommen, wenn wir mehr Marketing machen.

Wie viele Kommentare bekommen Sie denn?
Wir haben seit dem Launch über 40.000 Kommentare von insgesamt 15.000 Usern bekommen. Darunter sind 3000 Nutzer, die einmal im Monat mindestens einmal kommentieren.

Sollten die arrivierten Medien – nach ihren Erfahrungen – nicht stärker auf ihre User zu hören?
Ich glaube, dass eine Generation nachwächst, die komplett anders mit Medien umgeht. Durch das Internet lernt sie eine andere Form von Demokratie und Meinungsfreiheit. Da kommt man als Medium gar nicht daran vorbei, sich dem zu öffnen. Auch die arrivierten Medien werden sich mehr auf eine Diskussion mit ihren Lesern einlassen müssen.

Beim Zoomer-Start war die Rede davon, die Nachrichtenplattform sehr eng mit StudiVZ zu verzahnen. Wie eng ist denn tatsächlich die Zusammenarbeit?
Das war ein Marktgerücht. Da wurde uns nachgesagt, wir würden NewsVZ werden. Wir haben im Moment nur ein reines Werbe-Engagement bei StudiVZ.

Sie haben die dieselbe Konzernmutter und dieselbe Zielgruppe wie StudiVZ. Sollten Sie da nicht stärker kooperieren?
Die Zielgruppe ist bei StudiVZ aber mit ganz anderen Motiven unterwegs. Wir müssen uns gute Gedanken machen, wie wir die StudiVZ-Nutzer für Nachrichten und Zoomer.de interessieren können. Bei sechs Milliarden Klicks hat man natürlich schnell die Idee, dass man einfach einen Link setzt und hat ruck-zuck 60 Millionen Page Impressions rübergezogen. Das ist ein Trugschluss. Man muss sich erst einmal das nötige Renommee erarbeiten und die Leute anfixen. Das braucht seine Zeit.

Wie aktiv ist Ihr Herausgeber Ulrich Wickert noch dabei?
Er hatte sich ein wenig zurückgenommen, weil er im Urlaub war und seinen Krimi fertig stellte. Jetzt ist er aber wieder voll aktiv und weiterhin einmal die Woche bei uns in der Redaktion.

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