Bundesligakonferenz: „Wir sind das Original“

Am Wochenende ist es wieder soweit: Die Bundesliga startet in ihre neue Saison; und am Samstag läuft über alle Hörfunk-Sender der Landesrundfunkanstalten die Bundesligakonferenz. Die Sendung hat laut ARD-Angaben 9,7 Millionen regelmäßige Zuhörer im gesamten Bundesgebiet. Einer ihrer beliebtesten Kommentatoren ist der Radiomoderator des Westdeutschen Rundfunks, Manfred „Manni“ Breuckmann. MEEDIA sprach mit dem beliebten „Urgestein“ der Sportreporter-Branche.

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Am Wochenende startet die neue Bundesligasaison und am Samstag läuft die Konferenz. Kommentieren sie auch ein Spiel? Welches?

Ja, ich berichte vom Saisonauftakt auf Schalke gegen Hannover 96.

Die Popularität der Bundesligakonferenz ist nach wie vor ungebrochen. Jeden Samstag sitzen etwa  zehn Millionen Hörer vor dem Radio. Was macht den besonderen Reiz dieser Sendung aus?

Die Dramaturgie – die muss man bei der Konferenz nicht erfinden, die ist einfach da. Das ist auch durch nichts zu toppen. Selbst die Fernseh-Konferenz kann nicht mit der Dramaturgie beim Radio mithalten. Durch das bewegte Bild geht die Unmittelbarkeit verloren, denn der komplexe Vorgang des Sehens lässt den Zuschauer immer etwas außen vor. Doch beim Radio findet das Erleben des Spiels durch den Kommentar des Reporters im Innern des Zuhörers statt. Diese Spannung ist einfach durch kein anderes Medium zu übertreffen.

Die Konkurrenz, vor allem durch das Internet, wird immer größer. Lässt sich die Erfolgsgeschichte der Konferenz fortsetzen?

Natürlich glaube ich das. Es gibt dafür auch einen ganz einfachen Grund: In all den Jahren hat sich das Konzept der Bundesligakonferenz kaum verändert – auch in Zeiten des Live-Wahns. Dieses neue Dogma muss man akzeptieren. Stellen sie sich mal vor, in den 70ern wurden teilweise die letzten Minuten von manchen Spielen noch vom Band nachgeliefert. Was damals keinen Zuhörer weiter gestört hat, ist heute undenkbar. Aber dennoch, bei all der Konkurrenz und der ganzen Schnelllebigkeit des Geschäfts: Wir sind das Original und daran müssen sich die anderen messen lassen.

Bei der EM, während der Halbfinalbegegnung zwischen Deutschland und der Türkei, musste ZDF-Kommentator Bela Réthy rund eine Viertelstunde wie ein Radiomoderator kommentieren. Hat er seine Sache gut gemacht?

Das kann ich leider nicht beurteilen, denn ich habe ja selber parallel als echter Radioreporter gearbeitet. Aber wir hatten mit denselben Aussetzern zu kämpfen. Minutenlang habe ich ins Nichts kommentiert, so dass die poetisch hochwertigste und dramatischste Reportage jetzt irgendwo im Orbit kreist. Im Ernst: Bela Réthy ist ja viel dafür gescholten worden, aber es ist doch ganz klar, dass ein guter TV-Kommentator nicht auch automatisch mit dem Medium Radio gut umgehen kann. Radio und TV sind einfach zwei verschiedene Baustellen.

Was zeichnet einen guten Radioreporter aus?

Er muss vor allem Augen wie ein Adler haben. Ich saß einmal beim Championsleague-Viertelfinale im Nou Camp-Stadion in Barcelona etwa 50 Meter über der Eckfahne. Wie soll ich da genau sehen können, was über 110 Meter entfernt an der anderen Eckfahne passiert. Zum Glück gibt es inzwischen Monitore. Eine schnelle Auffassungsgabe und eine dynamische Erzähle sollte man auch mitbringen. Bei der Geschwindigkeit, mit der wir sprechen, gibt es natürlich viel Schablonenhaftes, also sollte man schon auf eine gewisse Originalitäts-Quote achten. Man kann auch witzig sein, aber nur ein bisschen. Nichts ist schlimmer, als wenn einer den Kasper gibt.

Welche Formulierungen vermeiden Sie? Was ist mit den durchgekauten Kriegsmetaphern?

Also Bomben und Granaten benutzen wir nicht, aber ich möchte darauf hinweisen, wie der Fußball hier in der westlichen Hemisphäre einmal war. Da wurden ursprünglich zwei Dörfer aufeinander gehetzt. Das ist schon so etwas wie Kriegsersatz. Daher ist ein Schuss eben ein Schuss und ein Angriff ist ein Angriff. Ein gewisses aggressives Vokabular liegt also in den Ursprüngen dieses Sports – ist ja keine Rhythmische Sportgymnastik. Ansonsten vermeide ich inzwischen Begriffe wie „vorsichtiges Abtasten“ oder den „ominösen Punkt“.

Im Interview mit Deutschlandradio Kultur behaupten Sie, Sie bekämen einen Tooor-Jubel von 30 Sekunden Länge hin.

Ja klar kann ich das. Die Südländer, z.B. in Brasilien, setzen das sehr gezielt ein. Das ist weniger das viel zitierte Temperament, das mit ihnen durchgeht, als vielmehr durchdachtes Kalkül. Dort wird die Reportage inszeniert, ist Teil der Dramaturgie.

Deutsche Kommentatoren sind inzwischen auch etwas leidenschaftlicher geworden, aber im Vergleich immer noch recht nüchtern. Geht der Trend weiter Richtung Süden?

In den 70ern musste man sich beim Publikum noch entschuldigen, wenn man emotional wurde. Heute ist schon viel mehr möglich. Aber man muss aufpassen, dass man nicht übertreibt. Im Sinne der Dramaturgie muss immer noch ein wenig Platz nach oben sein. Nehmen wir das kommende Spiel Schalke gegen Hannover. Da hat die Saison gerade erst begonnen. Selbst wenn die Knappen mit 5:4 gewinnen, nachdem sie 2:4 zurückgelegen haben, darf man den Bogen nicht überspannen. Wer weiß, was in der Saison noch alles passiert.

Die Fankultur hat sich spätestens seit der WM 2006 in Deutschland verändert. Inzwischen herrscht ja eine regelrechte Eventgeilheit auch bei der Bundesliga, wobei der Anteil von weniger fachkundigen Fans steigt. Betrifft das auch die Hörerschaft bei der Konferenz? Wie gehen Sie als Kommentator damit um?

Diese neue Fankultur ist mir egal. Meine Definition von Fan setzt voraus, dass wenigstens rudimentäres Verständnis von Fußball vorliegt. Meine Reportagen sind also nicht an diejenigen gerichtet, die David Odonkor „sooo süüüß“ finden und über die Freundin von Bastian Schweinsteiger berichte ich auch nicht. Ich weigere mich entschieden, ihren Namen auswendig zu lernen. Da verläuft für mich als Reporter die Grenze. Außerdem finde ich, dass unser Job an sich schon Unterhaltung ist – da brauchen wir keine aufgemotzten Reportagen.

In der Schlussphase der Konferenz geht es gerne mal hektisch zu. Gab es da Pannen, die an die Sie sich besonders gut zurückerinnern können?

Es gibt immer Pannen. Man muss am Ende der Begegnungen höllisch aufpassen, dass man nicht zu einem Spiel herüber schaltet, das abgepfiffen ist und der Reporter längst bei seinem wohlverdienten Feierabend-Pils sitzt. Das ist peinlich. Am schlimmsten war natürlich das Saison-Finale 2001, als ein Zahnarzt aus Kaiserslautern die Bayern zum Meister machte. Ich saß auf Schalke und man versuchte mich anzurufen. Die Leitung war aber defekt, zumindest hörte mich mein Gegenüber nicht. Alle dachten, ich sei heulend zusammengebrochen. Dabei habe ich ins Mikrofon gesprochen, nur kamen die Wörter am anderen Ende einfach nicht an. Das war ja auch brutal: Während alle im Schalker Stadion schon feierten, liefen über die Anzeigentafel die letzten Sekunden vom Bayern-Spiel in Hamburg und das Tor von Patrik Anderson. Es hatte nur keiner kapiert, dass das Live-Bilder waren und Schalke nun doch nicht Meister. Dieses Drama hat mich sicherlich ein paar Jahre meines Lebens gekostet.

Hand aufs Herz: Wer wird Deutscher Meister?

Natürlich der ruhmreiche FC Schalke 04.

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