„Liebes Land“: Erfolg durch Nachahmung?

Wenn ein Titel Erfolg hat, gibt es auch Platz genug für ein zweites Objekt ähnlicher Bauart. Nach dieser alten Print-Regel startet heute die Zeitschrift „Liebes Land“ aus dem Stuttgarter Hannes Scholten Verlag. Offenkundiges Vorbild für „Liebes Land“ ist die erfolgreiche „Landlust“. Dieser Titel aus dem Münsteraner Landwirtschaftsverlag hat seit seinem Launch 2005 die stolze Auflage von 317.000 verkauften Exemplaren erreicht. Grund genug für ein Interview mit der Chefredakteurin.

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Entscheidende Frage: Kann das geklonte Produkt „Liebes Land“ den geradezu unheimlichen Erfolg des Modells „Landlust“ wiederholen oder wenigstens ansteuern? Soviel scheint sicher zu sein: Die Zielgruppe ist noch lange nicht ausgeschöpft – sonst gäbe es diese kontinuierlichen Zuwachsraten in einem insgesamt höchst problematischen Magazin-Umfeld nicht.

Die „Landlust“-Macher haben ja sehr clever eine Lücke gefunden, die von den großen Verlagen offenbar nicht erkannt worden ist. Sie richten sich an Menschen, die ganz bewusst bereits auf dem Land leben. Also nicht etwa an Großstädter, die am Wochenende oder im Urlaub dorthin „fliehen“. Deswegen kann sich „Landlust“ auch ganz pragmatisch ausrichten; man kümmert sich um das Kaffeekränzchen mit dem weltbesten Marmorkuchen oder was es mit „Meister Grimbart“, dem Dachs, so auf sich hat. Bodenständigkeit plus Hochglanz lautet die Formel.

Die Häuser der Reichen und Schönen, vollgestellt mit unbezahlbaren Antiquitäten, vollgehängt mit handgewebten Seidenstoffen aus Lyon: Fehlanzeige. Dieses Geschäft überlassen die erdverwachsenen Westfalen gerne solch eher dahindümpelnden Edel-Magazinen wie „Country“, „Architektur & Wohnen“ oder Coffee-Table-Postillen wie „House & Garden“.

„Liebes Land“ nun versucht, sich in dieser Nische ebenfalls einzurichten. Allerdings auf deutlich anderem Niveau. Und genau da liegt das Problem der neuen Zeitschrift. Die Lust am, sagen wir jetzt: Blaubeerkuchen darf nicht mit gefühlig-tutschig-alternativer Spießigkeit verwechselt werden – dann findet sich der „normal“ ambitionierte Landbewohner mit Sicherheit in dem Produkt nicht wieder.

Bei „Liebes Land“ werden die Geschichten und durchaus auch nützlichen Tipps häufig überwölbt durch eine Verkitschung des Landlebens, die jedem echten Landbewohner, der auch die Probleme seines Dorfs oder seiner Kleinstadt kennt, ein Greuel ist. Da soll – im Editorial – doch tatsächlich „die Seele lächeln“ (wenigstens nicht: baumeln); da wird eine Geschichte über Spaten mit „Für immer und ewig“ überschrieben; da wird über „Mondholz“ reportiert, als beträfe dieses Thema die Rettung der Welt. Summe: Es geht also, einstweilen, doch nichts über das deutlich nüchternere Original, nämlich die „Landlust“.

JJ

Im Gespräch mit MEEDIA erläutert Chefredakteurin Ute Frieling-Huchzermeyer das Erfolgsgeheimnis des viel bestaunten Titels.

Wer liest Ihr Magazin? Beschreiben Sie die typische „Landlust“-Leserin … oder gibt es auch männliche Leser?

Die „Landlust“-Leser verbindet ein Lebensgefühl: Unsere Leser sind naturverbundene, wertorientierte Menschen mit einem guten Stück Lebenserfahrung, die sich als Ausgleich zum Alltagsprogramm an den „kleinen Dingen“ der Welt erfreuen möchten. Statistisch: Die Kerngruppe unserer Leser ist zwischen 35 und 50 Jahre alt. Die Zeitschrift wird im Wesentlichen von Frauen gekauft, aber von der ganzen Familie mitgelesen. Etwa 30 Prozent unserer Leser sind Männer.

Die Steigerungsraten in der Auflage sind beeindruckend. Wo sehen Sie die Obergrenze?

Der Erfolg unserer Idee hat uns zugegebenermaßen in der Anfangsphase überrascht. Heute sage ich, wir können noch sehr viele Menschen erreichen …

Welche Zeitschriften sehen Sie als Konkurrenz zu „Landlust“?

Natürlich greifen unsere Leser auch zu anderen Garten- und Wohnzeitschriften. Unser multithematisches und inhaltliches Konzept ist jedoch bis jetzt einzigartig.

Wie bewerten Sie neue Mitbewerber, wie den Titel „Liebes Land“ aus dem Stuttgarter Hannes Scholten Verlag?

Wir müssen bei unserer Auflagenentwicklung mit Mitbewerbern rechnen. Das angekündigte Produkt kennen wir noch nicht.

Wie viele Anfragen von Großverlagen, die „Landlust“ kaufen wollen, haben Sie schon bekommen?

Interesse ist schon bekundet worden.

Und? Werden Sie bzw. Ihr Verlag irgendwann schwach?

„Landlust“ wird weiterhin im Landwirtschaftsverlag Münster erscheinen.

Kann solch ein Magazin besser in einem kleinen Verlag gedeihen?

Die fachliche Kompetenz der Redaktion ist wichtig, ebenso die Nähe zu den Themen und den Lesern. Da sind wir in einem Fachverlag mit Zielgruppen-Umfeld gut aufgestellt.

Haben die Großverlage verlernt, auf die Leser zu hören?

Auch andere Publikumszeitschriften werden ihre Leser im Auge haben. Wir sprechen eine bisher unberücksichtigte Zielgruppe an.

Schreibt „Landlust“ schwarze Zahlen?

Nach drei Jahren am Markt wäre das fast ein Wunder. Die Aussichten sind aber gut.

Wann rechnen Sie damit?

Recht bald.

Wie entwickelt sich das Anzeigengeschäft?

Mit der Auflagenentwicklung zieht auch das Anzeigengeschäft nach. Wir rechnen in diesem Jahr mit über 200 Anzeigenseiten.

Sie wollten auch Sonderhefte herausbringen – wie sieht es mit diesen Plänen aus?

Wir denken über Sonderhefte nach. Zeitlich und thematisch ist aber noch nichts festgelegt.

Wann kommt die Umstellung auf monatliche Erscheinungsweise?

Eine monatliche Erscheinungsweise ist nicht geplant. Unsere Leserumfrage und die Leserreaktion zeigen, dass unsere Leser die zweimonatige Erscheinungsweise sehr schätzen.

Aus Ihrem Verlag kommen sonst nur Fachtitel – was muss man bei einer Publikumszeitschrift im Unterschied zur Fachzeitschrift lernen?

Bildsprache und Heftgestaltung sind noch wichtiger.

Was ist das Schönste am Leben auf dem Land?

Wenn Sie mich persönlich meinen: Die Möglichkeit, zwischen Himmel und Erde den Kopf zu befreien …

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