„Spiegel“: Doof geklaut oder smart geplant?

Früher galt: Montag ist „Spiegel“-Tag. Zum Wochenanfang setzten immer die Hamburger das Thema des Tages. Ein solcher Scoop gelingt dem Magazin mit der aktuellen Ausgabe – zumindest im Web. „Macht das Internet doof?“ heißt es in Google-Schrift. So neu ist die Idee nicht. Story und Cover erinnern an die Juli-Ausgabe des US-Magazins „Atlantic“. Verglichen damit sei die „Spiegel“-Story aber „deutlich anders, außerdem besser“, sagte Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron der „SZ“.

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Die Ähnlichkeit beider Geschichten ist frappierend. In seiner Juli/August-Ausgabe stellt das US-Magazin auf seiner Titelseite die Frage: „Is Google making us Stoopid?“. Zur Illustration verwendeten die Grafiker die Google-Farben und Typo. Auch die Hamburger zeigen eine Kopie der Google-Startseite und fragen im Schrifttyp der Suchmaschine: „Macht das Internet doof?“. Eine Ähnlichkeit, die Mathias Müller von Blumencron, einer von zwei „Spiegel“-Chefredakteuren, in der „Süddeutschen Zeitung“ nicht leugnet. „Wir alle lassen uns bei Schlüsselthemen inspirieren. Wir haben auch darauf hingewiesen, dass sich mit diesem Thema andere auseinandersetzen, wie der ‚Atlantic‘ oder die ‚New York Times‘.“

Die Geschichten selbst weisen immerhin gewisse Unterschiede auf. Stoßrichtung des „Spiegel“ ist der drohende Informations-Overload. Viele Menschen seien nur noch damit beschäftigt, ständig ihre E-Mails zu checken und würden anstatt eigene Gedanken zu formulieren, nur noch kopieren: „Generation Copy & Paste“.

In der viel diskutierten Story des „Atlantic“ setzt sich der Schriftsteller Nicholas Carr dagegen mit dem Problem auseinander, dass seine Aufmerksamkeitsspanne durch das Web zerstört worden sei. Er könne nie mehr Tolstois „Krieg und Frieden“ lesen. Nach drei Absätzen hätte er mittlerweile schon alle Lust an jedem Text verloren. Damit löste er vor vier Wochen eine kontroverse Diskussion in den USA aus.

Jetzt diskutiert auch das deutsche Web, jedoch nicht um Inhalte, sondern um die Frage, ob die Hamburger Redaktion nun selbst Opfer ihrer eigenen „Kopieren und Ersetzen“-Geschichte geworden sei. „Copy and paste: Der ‚Spiegel‘ prangert Ideenklau und Denk-Verflachung im Internet an – und hat die Titel-Idee selbst geklaut“, schreibt Florian Treiß bei Turi2.

Mercedes Bunz, die Chefredakteurin von Tagesspiegel.de, fragt sarkastisch in ihrem Blog: „Soll ich lachen, diese Technikfurcht wieder mal unglaublich deutsch finden, die Verflachung der Nicholas Carr Debatte im Spiegel bedauern oder mir Sorgen machen, dass jemand dort schrecklich unglücklich ist?“

Ole Reißmann vom Blog Medienlese.com glaubt dagegen, dass der „Spiegel“ für einen kühl kalkulierten kleinen Skandal sorgte: „Sauber setzt das Magazin den nächsten Aufreger ins Sommerloch.“ Als erster meldete sich – bereits am Samstag – Sascha Lobo zu Wort. Der Blogger und Werber twitterte: „Oh Gott, oh Gott, der neue Spiegel-Titel, um Gottes Willen.”

„Spiegel“-Chefredakteur Müller von Blumencron versteht – laut „SZ“ – die ganze Aufregung nicht: „Der ‚Atlantic‘ habe so ein in der Zeit liegendes Thema nicht exklusiv gepachtet.“ Hans-Jürgen Jakobs, Süddeutsche.de-Chefredakteur kommt dagegen zu dem Schluss: „Echt stoopid: Alles nur Copy & Paste!“

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