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James Bond der Arbeitsvermittlung

Eigentlich ist Helfer-TV ein ganz einträglicher Quotengaul: Ob B-Promis auf Crackentzug bei MTV oder überforderte Eltern im "Nanny"-Erziehungscamp – die Haushalte zappten nicht weg. Merkwürdigerweise ist es mit dem Voyeursdrang beim Thema „Arbeit“ sofort vorbei. Richtig erfolgreich war noch kein Job-Format. Jetzt probiert sich der SWR an dem Sorgenkind. Die vierteilige Doku-Soap "Die Job-Agenten" wirkt sehr amerikanisch: Sie ist im Schnitt schnell, im Tonfall "24"-alike und vor allem – ziemlich clean.

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„Den Job zu verlieren ist keine Schande“, belehrt der erste James Bond der Arbeitsvermittlung. Er heißt Michael Kroheck, trägt einen schwarzen Anzug und steht mitten in einer fast leeren Fabrikhalle am Mannheimer Hafen. Neben ihm sein Kollege Helge Thomas, Enddreißiger mit grauem Ziegenbärtchen und stechend blauen Augen; er malt in rosa Lettern große Wörter wie „Chance“, „Perspektive“ und „Zukunft“ auf eine durchsichtige Plexiglaswand.

Die Kamera kreist währenddessen virtuos um sie herum. Wieder ein Cut: Die beiden Männer stehen mit verschränkten Armen Rücken an Rücken – eine bereits aus US-Serien bekannte Technik, die Dynamik suggerieren soll. Dann zoomt die Kamera auf die Gesichter. In diesem Moment drehen sich beide mit einem einstudierten Ruck in Richtung Zuschauer und verkünden synchron ihre Mission: „Und wir sind die Jobagenten.“

Spätestens nach diesem Vorspann ist klar: Die für diese Soap verantwortliche Non-Fiction-Produktionsfirma „First Entertainment“ aus München hat nicht vor, ihrer filmischen ABM-Mission ein betuliches und gar sozialromantisches Flair zu geben. Hartz IV-Makel – ja – doch die Beseitigung soll cool über die Bühne gehen. Mitgefühl ist unproduktiv – und auch überflüssig, denn eigentlich ist ja jeder der Kandidaten an seinem Schlamassel selbst schuld.

Deshalb baut man Brücken, darüber gehen müssen die fünf – im Grunde sehr adrett-traurig anzuschauenden Kandidaten – alleine. Acht Wochen und vier TV-Folgen lang haben sie Zeit, um mit Eigeninitiative und einem pragmatischem Schubs von außen wieder auf den Beine zu kommen. Heulen und Jammern ist nicht drin, das darf nur Robbie Williams in der Hintergrundmusik.

Die 23-jährigen Zwillinge Stephanie und Christine Kohl aus Bürstadt bei Worms, beide mit weißen Creolen im Ohr, weinen trotzdem, aber ganz still und brav wie zwei eingeschüchterte Schulkinder. Was die eine hat, hat auch die andere. Wenn es anfangs noch die berufliche Ausbildung zur Grafikerin war, so sind es jetzt eben die Arbeitslosigkeit, die Schulden (das Geld floss unter anderem in eine Nasen-Verkleinerungs-OP) und natürlich der Traum vom eineiigen Job. Coach Michael Kroheck zeigt verhaltenes Mitgefühl. „Da ist eine unglaublich tiefe Trauer“, setzt er an. „Das ist Depression“ endet er. Kroheck hat BWL mit Schwerpunkt Marketing studiert.

Anderen Kandidaten gegenüber urteilen die beiden hauptberuflichen Coaches aus Heidelberg mit mehr Härte: „Ich spür da keine Leidenschaft“, sagt Agent Numero eins zum Gesang der arbeitslosen Opernsängerin Isabell Schmitt, der Tochter aus gutem Hause (deren Vater sie endlich mal auf den großen Bühnen in Deutschland sehen will). „Ich hab das Gefühl, der ist froh, wenn er morgens im Bett liegen bleiben kann“, sagt Agent Numero zwei über den 40-jährigen Koch und Mini-Jobhopper Roland Hoffmann, der auch schon Tourguide für Jeep-Safaris auf Ibiza war.

Dass sie doch etwas drauf haben, dürfen die Jobsuchenden bei einer kleinen Präsentation in der Fabrik beweisen. 24 Stunden haben die Kandidaten Zeit, etwas vorzubereiten. So arrangiert der eigenbrötlerische Koch kalte Kanapees, die unglückliche Sopranistin übt eine Arie aus Mozarts „Zauberflöte“ und die Zwillinge malen psychodelische Bilder von sich und dem mit 320.000 Euro verschuldeten Haus ihres Vaters.

Derweil begeben sich die Jobagenten auf ihre Mission; sie suchen einen möglichen Arbeitsplatz, und der soll natürlich nicht gerade ein Wunschkonzert sein. Der unflexible Koch Roland soll bei einem Partyservice Häppchen produzieren. Für den digital unerfahrenen Fotografen Rainer, den Lebenskünstler ohne Krankenversicherung, hat man sich einen freien Job bei einer Lokalzeitung überlegt. Doch erst in der nächsten Folge wird man sehen, ob das kalte Wasser wirklich trägt. Die Zeit der Trockenübungen – so heisst es am Schluss unheilsverkündend – ist jetzt vorbei.

Ein guter Cliffhanger zur nächsten Folge und wer weiß – vielleicht kommt der insgesamt 40-minütige kühle Initiativ-Drill ja beim Publikum so gut an, dass man diese Serie fortsetzt. Viele Soap-Vorgänger auf anderen Sendern sind an dem Thema gescheitert. Erwischt hat es vor allem künstliche Show-Formate, bei denen mehreren Kandidaten gleichzeitig um einen Job buhlen mussten. So verschwand John de Mols mit großem Pomp angekündigte TV-Show „Hire or Fire“ auf ProSieben nach nur einer Ausstrahlung vom Bildschirm: Lediglich magere sechs Prozent Zuschauerquote bekam der Abklatsch der erfolgreichen Donald Trump-Show „The Apprentice“ in der werberelevanten Gruppe von 14- bis 49 Jahren. Die Arbeitsshow „Big Boss“ mit Moderator Reiner Calmund, Ex- Manager des Bundesligavereins Bayer 04 Leverkusen, wurde kurze Zeit später bei RTL gestartet und auch wieder abgesetzt.

Viele Sender brachen daraufhin das ungeliebte Thema auf Mini-Serien herunter, und setzten dabei mehr auf zivilisierte deutsche Gefühligkeit, denn auf harte US-Casting-Show. So etwa das ZDF mit der vierteiligen Dokumentation „Stellmichein“, die sogar 2007 den Grimme-Preis bekam, oder die zwölfteilige Sat.1-Soap „Ein Job – Deine Chance“.

Der SWR-Vierteiler “Die Jobagenten“ ist ein gelungener Mix – auch wenn er sicher nicht den Pokal für die Innovation des Jahres gewinnen wird: amerikanisch in der Machart, aber eben nicht um jeden Preis. Die Kandidaten werden nicht wie bei der TV-Show „Hire or Fire“ im Wettkampf gegeneinander bloßgestellt, sondern einzeln gecoacht. Die Protagonisten sind keine ungebildeteten Prolls, sondern Lebenskünstler mit einem gelernten Beruf.

Einziger Wermutstropfen: Der Sprecher im Off klingt so, als würde er gerade auf RTL2 einen Tsunami live anmoderieren. Zudem setzen die Jobagenten Michael Kroheck und Helge Thomas in der ganzen Sendung eigentlich nur diesen einen strengen Gesichtsausdruck auf – und der wird auf Dauer etwas fad. Ein wenig mehr Natürlichkeit hätte die Regie schon erlauben können: James Bond lächelt auch und ist trotzdem der Retter der Stunde.

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