„Besser für den Spiegel, wenn G+J aussteigt“

Adolf Theobald ist der Grandseigneur der deutschen Zeitschriftenbranche. Er hat "Capital" gegründet, war Chef von "Geo" und u.a. Geschäftsführer beim "Spiegel". Im Gespräch mit MEEDIA zieht er eine erste Bilanz des Wirkens der neuen "Spiegel"-Chefs Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo. Sein Fazit: Die Unterschiede zu Stefan Aust sind höchstens persönlicher Natur. Gruner + Jahr empfiehlt er, sich von der Beteiligung am "Spiegel" zu trennen. Das sei besser für das Magazin.

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Matthias Müller von Blumencron und Georg Mascolo sind rund ein halbes Jahr als „Spiegel“-Chefredakteure im Amt – wie bewerten Sie deren bisherige Arbeit?

Die „Spiegel“-Redaktion ist eine so gut eingespielte, funktionierende Organisation, dass die Chefredaktion nur begrenzt ihre Eigenart einbringen kann. So war es bei Aust und so scheint es auch bei den beiden Nachfolgern zu sein. Unterschiede sind nur marginal auszumachen. Vielleicht war Aust mehr der Aktualität, die Nachfolger mehr der Reflexion zugetan. Wie gesagt: graduelle, aber keine fundamentalen Unterschiede.

Worin liegen dann diese graduellen Unterschiede zwischen Blumencron/Mascolo und Stefan Aust?

Die Differenz ist persönlicher, nicht professioneller Natur. Aust war nicht überall in der Redaktion beliebt und das war gut so. Blumencron und Mascolo sind beliebt. Das muss nicht schlecht sein.

Sind die beiden die richtige Wahl als Chefredakteurs-Tandem?

Beide scheinen sich gut zu vertragen, zu ergänzen. So wie früher Böhme und Funk.

Warum entwickeln sich die Top-Personalien beim „Spiegel“ offenbar immer zu einer öffentlich ausgetragenen Farce?

Diese Komödie trifft nur auf Personalien zu, die der Entscheidung der Gesellschafter unterliegen. Die Farce ist eine Folge der Qualität der Gesellschafter.

Wie würden sie die Qualitäten der beiden maßgeblichen Gesellschafter Mitarbeiter KG und G+J beschreiben?

Gruner+Jahr ist an die eigenen Interessen gebunden und das sind nicht unbedingt die des „Spiegel“. Und die Mitarbeiter KG ist auf solche Fragen nicht vorbereitet.

Wie zukunftsfit ist der „Spiegel“?

Es gibt nur wenige Print-Titel, die zukunftsfit sind. Neben der Regionalpresse sind das Titel wie „Die Zeit“, „FAZ“ und „SZ“ und auch der „Spiegel“. Sie alle sind publizistisch notwendig, deswegen werden sie Bestand haben.

Ist die Berufung von Ove Saffe als neuer Geschäftsführer des „Spiegel“-Verlags eine glückliche Entscheidung?

Saffe ist eine sehr glückliche Entscheidung. Er kennt die „Spiegel“-Kultur, ist selber intelligent, zurückhaltend und erfahren. Kein aufgeregter Konzernschnösel.

Glauben Sie, dass Herr Saffe sich auf seinen neuen Job freut?

Aus Erfahrung weiß ich: Auf diesen Posten muss man sich freuen.

Haben Sie Mitleid mit Mario Frank?

Ich litt mit, solange er da war. Jetzt nicht mehr.

Woran ist er letztlich gescheitert?

An seiner Biographie. Er versuchte, Großkonzerndenken auf ein mittelständisches Unternehmen zu übertragen. Das muss schief gehen.

Ist der „Spiegel“-Verlag mit der besonderen Konstruktion der Mitarbeiter KG überhaupt regierbar?

Die Mitarbeiter KG ist eine Fehlkonstruktion. Ihre wechselnde Führung ist auf die Leitung eines Unternehmens ebenso wenig vorbereitet wie die Rheintöchter zur Überwachung des Rheingolds. Das ist zwar für die Mitarbeiter amüsant zu verfolgen, seriös ist das nicht.

Ist die Mitarbeiter KG in Ihren Augen ein verlässlicher Partner des Gesellschafters Gruner + Jahr?

Die Frage ist eher, ob Gruner+Jahr ein verlässlicher Partner des „Spiegel“ ist.

Wäre es besser für den „Spiegel“, wenn G+J sich von seiner Beteiligung trennt?

Ein klares Ja.

Sollten die Kinder von Rudolf Augstein Ihrer Meinung nach eine größere Rolle beim „Spiegel“ spielen?

Es wäre in jedem Fall besser gewesen, wenn die 25 Prozent des dritten Gesellschafters, also der Augstein-Kinder, als Sperrminorität erhalten geblieben wären. Eine „Balance of power“ hätte dem Unternehmen gut getan. Zum Vorteil aller. Auch die vergangenen Schwierigkeiten wären durch den Zwang zur Dreieinigkeit vermieden worden.

Wie bewerten Sie die Verleger-Pläne von Jakob Augstein mit der Wochenzeitung „Freitag“?

Es ist immer schön, wenn reiche Leute selbst hoffnungslos scheinende Projekte alimentieren. Der Verleger als Menschenfreund.

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