„Ein Abzug der Medien wäre das Falsche“

Der Medienexperte und Leiter des Deutschen Digital Instituts in Berlin, Jo Groebel, spricht sich gegenüber MEEDIA trotz der anhaltenden Zensur im Vorfeld der Olympischen Spiele gegen einen Abzug der Medien aus China aus. Das Image Chinas und des IOC leidet. Die Zensur würde indirekt aber die Berichterstattung über die mangelnde Pressefreiheit und Menschenrechtsprobleme in China fördern. "So gesehen hat die Zensur der Chinesen letztlich einen positiven Effekt", erklärt Medienforscher Groebel im Interview.

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Ist eine echte journalistische Berichterstattung aus China unter dem Stigma der Zensur überhaupt noch möglich?
Es gibt ja eine Berichterstattung über Olympia, die sich „nur“ dem Sport widmet. Hier wird überhaupt nichts eingeschränkt. Aber der olympische Gedanke hat auch den selbst gestellten Anspruch, für Völkerverständigung und Frieden einzutreten. Insofern sind die Zensur-Vorwürfe, selbst wenn man über die reinen Sportereignisse berichtet, schon relevant. Das ganze Ereignis kann dadurch massiv eingetrübt werden. Kommunikativ sehe ich bei den Olympischen Spielen in China eine ähnliche Gefahr wie bei der Tour de France mit ihren Doping-Skandalen: Es droht ein Image-Verlust auf Raten.
Wer trägt die Schuld?
Es gab schon vor China eine Vertrauenskrise gegenüber Olympia. Das ist durch die Äußerungen von IOC-Präsident Jacques Rogge nicht besser geworden. Von Seiten des Olympischen Komitees ist man mit „Naivität“, man könnte aber auch sagen mit Skrupellosigkeit, an die Spiele in China herangegangen. Nach dem Motto: Zensur und Menschenrechte sind ein nachgeordnetes Thema. Wichtig ist, dass es eine tolle Veranstaltung wird und alles wirtschaftlich stimmt. Selbst wenn man überhaupt keine Skrupel hat und die moralische Seite völlig außer Acht lässt, liegt hier ein gigantischer Management-Fehler vor. Man hätte absehen könne, dass China niemals in so kurzer Zeit auf eine völlig andere Linie schwenkt. Sponsoren müssen sich ja fast schämen, in diesem Kontext aufzutreten, der einen ziemlichen Hautgout hat und alles andere als positiv ist. Der Erfolgsdruck für einen Aufbruch in ein neues Zeitalter ist stärker gewesen als eine einigermaßen realistische Einschätzung der Lage.
Der Aufschrei in den Medien ist groß. „FAZ“-Herausgeber Berthold Kohler hat beispielsweise gesagt, die Zensur der Chinesen sei „nicht hinnehmbar“. Echte Konsequenzen der Medien sieht man aber nicht. Alle bleiben vor Ort und berichten weiter.
Ein Boykott nach dem Motto, jetzt müssten alle ihre Siebensachen zusammenpacken und abziehen, wäre sicherlich das Falsche.
Warum?
Es gibt auch eine Berichtspflicht über die Einschränkung der Pressefreiheit. Das geschieht am besten vor Ort. Das Verbleiben an der Front ist genau in dieser Situation die journalistische Pflicht. Das schließt die Information über Zensur und Nicht-Information ein. Ich bin sehr gespannt, wie sehr sich die Berichterstatter noch zu überwältigten Jubel-Kommentaren, etwa bei der Eröffnungsfeier, hinreißen lassen. Das ist ein journalistischer Drahtseilakt. Ein Abzug der Journalisten würde der journalistischen Berichtspflicht widersprechen. Es gibt genug Möglichkeiten, vor Ort über die Nicht-Information zu berichten. In der modernen Welt ist es gar nicht möglich, einen totalen Informations-Boykott vorzunehmen.
Sehen Sie keine Gefahr, dass Medien mit ihrer Glaubwürdigkeit spielen?
Ob die Medien glaubwürdig sind, zeigt sich erst, wenn die Spiele begonnen haben. Spätestens wenn die Eröffnungszeremonie läuft, wird das eine sehr schwierig zu lösende Aufgabe sein, wirklich glaubwürdig zu berichten. Wird ein skeptischer Unterton herrschen, oder lassen sich die Berichterstatter kritiklos mitreißen…?
Was glauben Sie, was geschehen wird?
Man muss lobend anerkennen, dass zumindest jetzt sehr kritisch berichtet wird. Wenn man das Gefühl hat, man wird manipuliert, schlägt die Manipulation oft ins Gegenteil um. Gerade die ganzen Zensur-Versuche und das unbeholfene Verhalten des IOC haben viele sehr kritische Berichte in den Medien zur Folge gehabt. Kaum zu glauben, dass sich die Chinesen ein solches Medienecho gewünscht haben. China hat sich durch seine offensichtlich restriktiven Maßnahmen selbst geschadet. Hätten die Chinesen den Journalisten eine scheinbare Freiheit gewährt, wäre dies aus Propaganda-Sicht wohl erfolgreicher gewesen. Aber ein totalitär organisiertes System wie China kann eben nicht aus seiner Haut.
Sie meinen, die Chinesen haben mit ihrer Zensur die Meinungsfreiheit befördert, ohne es zu wollen?
China steht in den Medien jetzt schlechter da, als vor Beginn der Aufmerksamkeit durch die Olympischen Spiele. Hätten die Chinesen die Zügel lockerer gelassen, hätten wir womöglich das Bild bekommen, dass in China alles prima läuft. Die meisten Journalisten hätten ja gar nicht die Zeit und die Möglichkeiten gehabt, außerhalb der Spielstätten durchs Land zu reisen und zu berichten. Jetzt sind alle Medien für das Thema Zensur, Meinungsfreiheit und Menschenrechte in China sensibilisiert. So gesehen hat die Zensur der Chinesen letztlich einen positiven Effekt. Wenn auch höchst unfreiwillig.

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