Der WDR wagt den mutigsten Vorstoß

Die ARD-Sender wollen auch im Internet die Nutzer mit einem möglichst unbegrenzten Angebot versorgen. Doch allein in der Frage, wie sie ihre Hörfunkprogramme online zur Verfügung stellen, zeigt sich bei den Landesrundfunkanstalten ein höchst unterschiedliches Bild. Den mutigsten und souveränsten Vorstoß wagt derzeit der Westdeutsche Rundfunk. Neben offenen Webstreams, die in jedem Player abgespielt werden können, bietet der WDR seit Kurzem seinen bahnbrechenden "Radiorecorder" an.

Anzeige

Optisch entspricht die Software Apples iTunes oder dem ähnlich gestalteten iPlayer der BBC. In zwei Fenstern stellt der WDR-Radiorecorder das gesamte Hörfunkprogramm der kommenden 14 Tage in chronologischer Reihenfolge dar. Die Navigation ist einfach, die Handhabung intuitiv. Vor allem aber: Mit einem einzigen Klick lassen sich die einzelnen Sendungen zeitgesteuert aufzeichnen – sofern der Computer nicht ausgeschaltet oder die Internetverbindung unterbrochen wird.
„Wir wollen die Kultur des Mitschneidens beleben“, sagt Uwe-Jens Lindner, WDR-Pressesprecher Online und Radio, zu MEEDIA. Und dafür stellt der Sender die perfekte Software zur privaten Verfügung. Könnte der Radiorecorder ein kreatives Mittel des Senders sein, die ganze komplizierte Diskussion um Urheberrechtsfragen bei Podcast und Audio-on-Demand, um zeitunabhängige Nutzung, um das öffentliche 7-Tage-Archiv zu umgehen? Ein Versuchsballon?

Lindner stellt lediglich fest, dass das „Mitschneiden gedeckt ist durch das Recht auf die Privatkopie“. Und: „Bei uns hat sich noch niemand beschwert“. Im Gegenteil: Der Radiorecorder wird gut angenommen. Zahlen will der Sender aber erst nach der einjährigen Testphase veröffentlichen. Dann könnte auch eine Apple-Version folgen.

„Der BR verfolgt mit Interesse die Resonanz des persönlichen WDR-Radiorecorders“, meint Toni Siegert, Leiter der Multimediaproduktion vom Bayerischen Rundfunk (BR), „er wird aber ähnliche Applikationen vorerst nicht anbieten.“ Dafür habe sich der BR entschieden, das Thema „Audio- und Video-Podcast nach vorne zu schieben“.

Möglicherweise haben einige ARDSender auch noch nicht entschieden, ob Offenheit im Internet für das öffentlich-rechtliche Radio einen Vor- oder einen Nachteil bedeutet und verfahren deshalb vorsichtig oder restriktiv. So hat der NDR zwar Anfang Juli mit seinem Miro-Player einen Sprung nach vorne gemacht; mit einer angepassten Version der Open-Source-Software sind nun ausgewählte Radio- und auch Fernsehsendungen zu hören. Doch den Live-Stream scheint der Sender weiterhin verstecken zu wollen.

Andere Sender sperren ihre Webstreams in hermetische Software. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), der Südwestrundfunk (SWR) und der Saarländische Rundfunk (SR) etwa lassen sich im Internet nur mit Real- oder Windows Media Player hören. Dabei hätte die Entwicklung einer gemeinsamen Lösung nach WDR-Vorbild einige Vorteile. Die Hörer könnten mit einem einzigen System das gesamte ARD-Hörfunkangebot nutzen und die Gebührenzahler würden nicht für die separaten technischen Entwicklungen aufkommen müssen. Doch eine einheitliche Strategie der ARD-Anstalten nach Vorbild des WDR ist vorerst nicht zu erwarten.

Auch die Pressesprecherin des SWR, Ariane Pfisterer, verweist auf den Rundfunkänderungsstaatsvertrag und sagt: „Ein Angebot, wie das des WDR ist momentan kein Thema. Weder für den SWR, noch für die ARD insgesamt.“ Der SWR hat die Federführung bei der Online-Koordination der ARD-Sender inne. Pfisterer beschreibt die Situation in einem klassischen ARD-Paradoxon: „Im Moment ist alles im Fluss. Deshalb herrscht bei uns ein gewisser Stillstand.“

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige