Die Montgomerys sind überall

Heulen und Zähneklappern in Zeitungsredaktionen gibt es nicht nur in Berlin. In den USA ist man wie üblich weiter – auch bei der Zeitungskrise. Im ersten Quartal haben US-Tageszeitungen 8,43 Mrd. Dollar an Werbung umgesetzt, 14 Prozent weniger als im Vorjahr. Das ist der dramatischste Einbruch seit Aufzeichnung. In Deutschland machen Zeitungen noch Gewinne, gespart wird trotzdem. David Montgomery presst gerade seine „Berliner Zeitung“ aus, weil ihm 14 Prozent an Rendite nicht ausreichen.

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Montgomery steht bereits jetzt massiv unter Druck. Die Aktie seines Zeitungs-Konglomerats Mecom mit über 100 Blättern und einer täglichen Auflage von rund 18 Millionen lag Ende Januar auf einem Allzeit-Tief. Die Rechnung – viele Titel bringen viele Synergien – ist bisher nicht aufgegangen. Und weil er sein Zeitungs-Imperium über Schulden finanziert hat, fangen die Gläubiger an zu maulen. Um etwas Ruhe zu bekommen, hat Montgomery den Investoren eine Dividende versprochen, die er wieder seinen Blättern, wie der „Berliner Zeitung“ abpressen muss. In Finanzinvestorenkreisen eine gängige Methode.

Auch der TV-Konzern ProSiebenSat.1, der den Investmentfirmen Permira und KKR gehört, musste eine abstrus hohe Dividende an seine Besitzer auszahlen, obwohl das operative Geschäft miserabel läuft. Und doch: Was die Mitarbeiter von Montgomery Deutscher Zeitungs Holding gerade durchmachen, dürfte nur ein Vorgeschmack auf die Maßnahmen sein, wenn die Erlöse anfangen zu sinken. Dass dieses früher oder später passieren wird, darüber sind sich Experten einig.

Immer mehr Werbung wandert ins Internet ab; vor allem das Brot- und Butter-Geschäft mit Stellenanzeigen sowie Immobilien-, Auto- und sonstigen Kleinanzeigen wird vom Internet geradezu aufgefressen. Online-Primus Google verdient gut daran. Während die amerikanischen Zeitungen leiden, hat Google im ersten Quartal des Jahres mit seinen Textanzeigen alleine über fünf Milliarden Dollar umgesetzt – mehr als die Hälfte des Werbe-Volumens des gesamten US-Zeitungsmarktes! Wer diese Entwicklung vor fünf Jahren vorausgesagt hätte, wäre umgehend in die Klapsmühle eingeliefert worden.

Der Bedeutungsverlust der Zeitungen spiegelt sich auch in deren Buchungs-Wert. So hat die „New York Times“ im Jahr 1993 den „Boston Globe“ for 1,1 Milliarden Dollar gekauft und den Wert der Beteiligung mittlerweile auf 814 Millionen Dollar in den Büchern nach unten korrigieren müssen. Normalerweise gehen Käufer davon aus, dass der Wert ihrer Assets steigt, nicht fällt.

Der „David Montgomery“ der USA ist der Immobilien-Milliardär Sam Zell, der im vergangenen Jahr die Tribune-Gruppe mit „LA Times“, „Chicago Tribune“, „Baltimore Sun“ und vielen weiteren Blättern für 8,2 Milliarden Dollar gekauft hat. In Amerika ist alles eine Nummer größer, auch ein Flop. Zell hat offenbar recht schnell gemerkt, dass er sich für viel Geld ein Problem eingekauft hat. Die Reaktion der Finanzinvestoren ist stets dieselbe: Kosten drücken, Synergien suchen, Personal freisetzen.

Die Traditionszeitung „Baltimore Sun“ macht nun die neunte Entlassungsrunde innerhalb von zehn Jahren durch. Mit katastrophalen Folgen für die Motivation der Mitarbeiter. Auch die einst renommierte „LA Times“ ächzt unter Zells Spar-Diktat. Das Stammhaus in Los Angeles soll verscherbelt werden, die einst 1.000 Stellen wurden auf 700 gestrichen, ein Ende ist nicht abzusehen.

In Berlin kommen den Redakteuren die Horror-Storys aus Übersee seltsam bekannt vor. Kürzlich berichtete die „Berliner Zeitung“ über die Spar-Wut im fernen Los Angeles. Überschrift: „Wenn das Sparschwein regiert: Die L.A. Times wird kaputtgeschrumpft.“ Die Berliner Redakteure haben vermutlich noch ein anderes Blatt im Kopf gehabt, als sie diese Zeilen formulierten.

Aber noch geht es vielen deutschen Zeitungen vergleichsweise gut. Vor allem den großen. Die Südwestdeutsche Medienholding („Stuttgarter Zeitung“, „Südwest Presse“) hat jüngst 620 Mio. Euro für den Süddeutschen Verlag („Süddeutsche Zeitung“) auf den Tisch gelegt. 2006 machte der Süddeutsche Verlag 709 Mio. Euro Umsatz und einen operativen Gewinn von 77,1 Mio. Euro. Die Rendite würde zwar einen Montgomery nicht zufrieden stellen, ist aber dennoch respektabel.

Doch auch bei Titeln wie der „SZ“ sieht die Zukunft nicht allzu rosig aus. Das gute Ergebnis liegt maßgeblich an den massiv ausgebauten Nebengeschäften des Verlags mit „SZ Bibliothek“, DVD-Reihen, Wein-Editionen und und und. Dieses Geschäftsfeld ist mittlerweile ausgereizt. Das schöne Gebäude in der Münchner Innenstadt ist bereits verkauft, in Kürze zieht der Verlag in einen Glaskasten am Rande der Stadt. Und Leute aus dem Verlagsumfeld wollen schon von kommenden Sparrunden gehört haben.

Auch in den USA schreibt einer nach wie vor glänzende Gewinne und hat sogar beste Zukunftsaussichten: Rupert Murdoch. Als „Wall Street Journal“-Journalist Walt Mossberg den News-Corp-Chef Murdoch fragte, welche Zukunft er noch in Print sieht, antwortete der alte Hai, er sei in dieser Frage absolut neutral. Es sei ihm schlicht egal, auf welchem Wege die Nachrichten an die Nutzer kommen, ob auf Papier, im Web oder über Mobilgeräte. Die Redakteure des „Wall Street Journal“ werden genau zugehört haben. Murdoch kündigte eine radikale Verschlankung der Produktionsprozesse im Journalismus an. „Jede Story im Journal geht durchschnittlich durch die Hände von 8,3 Personen, bevor sie veröffentlicht wird, das ist geradezu lächerlich.“ (siehe Video)

Es ist diese unsentimentale Art und Weise, für die Murdoch von vielen gehasst und von manchen bewundert wird. Der Mann hat immer noch einen scharfen analytischen Blick und handelt mit gnadenloser Konsequenz. Als er 2005 für die Social Community MySpace 580 Mio. US-Dollar hinblätterte, erklärten viele Verleger-Kollegen den Alten für verrückt. Heute gilt der Coup als genial. Murdochs News Corp ist das einzige klassische Medienhaus, das ein echtes Web2.0-Schwergewicht sein Eigen nennt. Außerdem hat der Medienmogul den Deal über eine 900 Mio. Dollar schweren Anzeigen-Kooperation mit Google längst wieder refinanziert.

Bei seiner jüngsten Erwerbung, dem ehrwürdigen „Wall Street Journal“ geht er auch nicht zimperlich zur Sache. Den hauseigenen Journalisten Mossberg und Kara Swisher setzte Murdoch auf der „All Things D“-Konferenz auseinander, dass es jeder Story gut tut, um die Hälfte gekürzt zu werden.

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