Kamikaze-Pilot wird erwachsen

Das ehemalige Enfant terrible des deutschen Fernsehen kehrt zurück: Niels Ruf moderiert eine Late-Night-Show, die erstmals am 18. April auf Sat.1 zu sehen ist. Zunächst wird die „Niels Ruf Show“ einmal wöchentlich ausgestrahlt, könnte aber – bei Erfolg – werktäglich auf Sendung gehen. Ruf hat damit die Chance, die Nachfolge von Harald Schmidt bei Sat.1 anzutreten– vorausgesetzt, er findet die richtige Balance zwischen Tabubruch und stilvoller Late-Night-Unterhaltung.

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Die  „Niels Ruf Show“ läuft bereits schon seit 2006 im Digitalkanal Sat.1-Comedy; den Wechsel des Formats zum Muttersender kann man durchaus als Comebackversuch des Moderators werten, der nach seinem Rausschmiss bei Viva kaum noch öffentlich wahrgenommen wurde. Für Senderchef Matthias Alberti hat sich das Format bei Sat.1 Comedy so gut entwickelt, dass er jetzt das Wagnis eingegangen ist und die Show mit unverändertem Konzept zu Sat.1 geholt hat: „Wir freuen uns auf eine harte, klare Late-Night-Show.“  So hart wie in alten „Kamikaze“-Zeiten wird es aber am Freitagabend bei Sat.1 wohl nicht zugehen. Ruf, mittlerweile 35 Jahre, hat eingesehen, dass „Tabubruch nicht per se witzig ist“; deswegen präsentiert er die Show in der Tradition des amerikanischen Late-Night-Genres.

Harmlosigkeit darf man vom ehemaligen Viva-Moderator jedoch nicht erwarten. Schon in seiner ersten Show „Kamikaze“ hatte er unter Beweis gestellt, wie weit er zu gehen bereit ist: kein Witz war ihm zu schwulenfeindlich oder sexistisch – Tabubrüche gehörten zum Konzept der Sendung. Als die Kritik an ihm immer heftiger wurde, zog Viva irgendwann die Konsequenzen und feuerte Ruf. Später beschwerte sich der Moderator, die Kritiker hätten nicht begriffen, dass er nur eine Rolle gespielt habe. Er mokierte sich: “In Deutschland setzt man sich für gewöhnlich eine Perücke auf, damit jeder versteht, dass man jemand anderes verkörpert.”

Nach dem Ende von „Kamikaze“ wurde es sehr still um den Krawallmacher. Seine Firma „Weltruf“ kreierte Show-Ideen, die keiner kaufen wollte; die kürzlich angelaufene RTL-Anwaltsserie „Herzog“ mit Ruf in der Hauptrolle floppte. Die „Niels Ruf Show“ auf Sat.1 könnte jedoch zu seinem erfolgreichen Comeback werden: Das Genre passt wesentlich besser zu dem hochtalentierten Improvisator, als die Rolle des Schauspielers oder Produzenten.

Allerdings bewegt sich Ruf auf schwierigem Terrain: Die meisten Versuche, Late-Night in Deutschland zu etablieren, sind bislang gescheitert. Ob Thomas Gottschalk, Anke Engelke oder Thomas Koschwitz: Keiner konnte sich längerfristig durchsetzten. Nur Harald Schmidt schaffte es, das Tagesgeschehen mit gelungenen Sarkasmus und journalistischem Können so zu kommentieren, wie es seine berühmten US-Kollegen O´Brien, Leno und Letterman jeden Abend mit Erfolg tun. Seit Schmidts Weggang von Sat.1 ist eine Lücke im deutschen Fernsehen entstanden, die bislang nicht geschlossen werden konnte. „Eine gutgemachte Late-Night-Show mit journalistischen Elementen hat in Deutschland immer eine Chance auf Erfolg“, weiß denn auch der ehemalige Redaktionschef von Gottschalks Late-Night-Show und Medienberater Hans-Hermann Tietje.

Niels Ruf könnte der richtige Mann zur richtigen Zeit sein, um die Nachfolge von Schmidt anzutreten. Dann wüsste man endlich wieder, was man abends um 23 Uhr einschaltet kann.

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