Musikindustrie: Koop mit dem Gegner

In ihrem Kampf gegen Piraterie gibt sich die traditionelle Musikindustrie zunehmend optimistisch. In dieser Situation kommt aus England eine Hiobsbotschaft: CD-Verkäufe und legale Downloads sind rückläufig, die Zahl verbotener Downloads nimmt nicht ab, sie steigt. Die Musikindustrie wird ihren Kampf gegen die Online-Piraterie verlieren, wenn sie nicht offensiv auf neue Vertriebswege wechselt. Jetzt wagt Universal Music als erstes Major-Unternehmen einen mutigen Schritt, um aus der Krise zu kommen.

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Innerhalb eines Jahres, so eine aktuelle Studie des renommierten britischen Musik-Marktforschungsunternehmens The Leading Question, ist überraschend die Zahl der Musikkonsumenten, die regelmäßig für Downloads bezahlen, gesunken – und zwar von 16 Prozent auf 14 Prozent (2007). Dagegen blieb die Gruppe der Nutzer illegaler Tauschbörsen mit 22 Prozent konstant.

Die Studie beweist, dass der juristische Kampf der Majors gegen Online-Piraterie trotz des großen Aufwands fruchtlos geblieben ist. Strafverfahren und Abmahnungen verfehlen ihre Wirkung auf die Masse der Raubkopierer. Zugleich hat es die Musikindustrie lange versäumt, konstruktiv auf die digitale Revolution aus dem Netz zu reagieren.

Zwar zeigt iTunes, wie sich mit einem klugen Download-Konzept Geld verdienen lässt. Doch insgesamt schaffte es die Musikindustrie nicht, mit den neuen Techniken rechtzeitig ebenso umfangreiche wie preiswerte Angebote zu präsentieren. „Viele Musikfans in Großbritannien sind mit der Art und Weise, wie kommerzielle digitale Musikdienste funktionieren, unzufrieden“, sagt TheLeadingQuestion-Chef Tim Walker.

Wie prekär in Wirklichkeit die Situation bei den großen Musiklabels bereits ist, zeigt nicht nur die aktuelle dramatische Personalentscheidung bei EMI – der britische Konzern plant, weltweit die Hälfte seiner 4.500 Mitarbeiter zu entlassen. Weit aufschlussreicher noch ist die Nachricht aus dem Hause Universal: Der Musikgigant wagt einen ebenso mutigen wie riskanten Vorstoß; Anfang Mai kündigte er an, mit dem Torrent-Service „Qtrax“ zu kooperieren. Das legale Portal will sich allein durch Werbung finanzieren.

Ob sich mit Gratis-Downloads allerdings überhaupt Geld verdienen lässt, weiß in der Branche niemand genau. Die Kooperation mit dem Gegner ist insofern nicht mehr als ein Experiment.

Dennis Roesler, verantwortlich für Digital Sales bei der Warner Music Group Germany, ist davon überzeugt, dass Joint Ventures wie das zwischen Universal und Qtrax auch für Warner notwendig sind. Nach seiner Einschätzung werde „sicher eine langwierige, schmerzvolle Verhandlungszeit“ der Zusammenarbeit vorausgehen. Doch „man muss den Test machen – auch um die Entwicklung nicht zu verpassen“.

Zögern beim Einstieg in neue Vertriebswege darf die Musikindustrie nicht mehr. Das weiß auch Dennis Roesler: „Ich glaube, die Kooperation kommt spätestens Anfang 2009“.

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