Chefredakteur aus dem Amt gedrängt

Beim "Wall Street Journal" (WSJ) hängt der Haussegen schief. Das WSJ-Komitee zur Sicherung der redaktionellen Integrität übt jetzt offene Kritik an Murdochs Personalpolitik. Chefredakteur Marcus W. Brauchli war am 22. April überraschend von seinem Amt zurückgetreten. Das Komitee ist alles andere als „amused“ und beklagt, in diesen Prozess nicht involviert gewesen zu sein.

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Das Komitee wirft Rupert Murdoch vor, Brauchli aus dem Amt gedrängt zu haben. Die ehemalige Eigentümerfamilie Bancroft hatte im Übernahmevertrag darauf bestanden, dass ein unabhängiges Komitee bei solchen Entscheidungen mit einem Veto-Recht ausgestattet wird. Wie jetzt herauskam, war Brauchli bereits Wochen zuvor von der News Corp.-Führung nahe gelegt worden, seinen Posten zu räumen. Nun habe man „keine Möglichkeit mehr, den Rücktritt ungeschehen zu machen und das Verfahren von neuem zu starten“, sagte der Vorsitzende des Komitees, Thomas J. Bray.  

Bereits einen Tag nach Brauchlis Rücktritt hatte Robert Thomson, der neue Herausgeber des Blatts, die Erweiterung des redaktionellen Angebots vorgestellt. Die Ressorts Politik und Sport werden ausgeweitet und die Rubrik Buntes neu eingeführt; zudem ist eine Wochenendbeilage geplant. Thomson – ein langjähriger Weggefährte Murdochs und dessen enger Vertrauter während der Dow Jones-Übernahme – hat wohl in der Redaktion zumindest kommissarisch das Sagen.
Bei der Suche nach einem Nachfolger von Brauchli pocht das Komitee auf sein Mitspracherecht. Man werde künftig in direktem Kontakt zu Herausgeber Robert Thomson und der News Corps. stehen, heißt es in der offiziellen  Erklärung des Komitees. Auch die News Corps. sicherte zu, man werde das Komitee während der Suche ohne Einschränkung auf dem neuesten Stand halten.

Die Skepsis bei den Redakteuren hingegen ist groß. Murdochs Lippenbekenntnis, wie sehr er „The Journal“ liebe, scheint keiner mehr ernst zu nehmen: „Er ändert so viel, man wundert sich nur, was er daran mal geliebt haben könnte“, sagte ein Reporter, der nicht genannt werden möchte. Thomson nennen sie in der Redaktion „mystery man“ und hoffen, dass er sich als inspirierender Journalist entpuppt und nicht am Ende den „Darth Vader“ mimt.

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