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Amstetten: Invasion der Opfer-Paparazzi

Der größte Kriminalfall der letzten Jahrzehnte, ein unfassbares Verbrechen – doch Fotos von den Opfern sind Mangelware. Bislang. Eine Million Euro wollen große Boulevard-Blätter nach österreichischen Medienberichten derzeit für ein Foto der Inzest-Opfer von Amstetten zahlen. Unter Fotografen und Kamera-Teams vor Ort herrscht eine regelrechte Goldgräber- Stimmung, Skrupel oder rechtliche Bedenken sind Mangelware. Und die Invasion der Bilder-Jäger treibt täglich neue Blüten.

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Ein Fotograf verkleidete sich als Polizist, andere tarnten sich als Bäume oder Büsche. Das Großaufgebot von Berichterstattern aus aller liefert dabei die Kulisse. Anwohner trauen sich nicht mehr vor die Tür, stellen Klingel und Telefon ab. Eine Kleinstadt im Belagerungszustand.

Elisabeth F., fünf ihrer sechs Kinder und ihre Mutter werden rund um die Uhr von Polizisten der österreichischen Eliteeinheit „Cobra“ und privaten Sicherheitsleuten beschützt. Diese drastische Maßnahme ist notwendig: Vergangene Woche verschaffte sich schon ein ganzer Pulk von Fotografen Eintritt in die Klinik, in der die Familie von der Außenwelt abgeschirmt werden soll. Die Paparazzi lassen nichts unversucht, um das Millionenfoto zu schießen. Sie kampieren auf dem Gelände, klettern auf  Bäume und griffen sogar Klinikmitarbeiter an.

Einen regelrechten „Katastrophentourismus“ beklagt Vize-Bürgermeisterin Ursula Puchebner. Schuld an dieser Belagerung sei die mangelnde Moral der Medien, wie auch das Fachmagazin „Der österreichische Journalist“ feststellt. Die meisten Medien hätten nach gängiger Rechtslage die „festgesetzten Grenzen überschritten“. Und mit diesen Verletzungen der Medienethik das Interesse der Menschen noch mehr angeheizt.

„Die Medien, die so etwas tun, wissen ganz genau, dass sie die Persönlichkeitsrechte der Opfer  verletzen“ erklärt die österreichische Medienrechtsexpertin Maria Windhager gegenüber der „Zeit“. Das österreichische Medienrecht macht es den Boulevardmedien jedoch verhältnismäßig leicht: Die Höchststrafe für Verletzungen der sogenannten „Opferrechte“ liegt bei 20.000 Euro – nichts gegen eine steil nach oben ragende Auflagenkurve und weltweite Vermarktungsmöglichkeiten.

Auch die Bild-Zeitung hat Fotografen und Reporter vor Ort in Amstetten.  In der Berliner Zentrale will sich allerdings niemand festlegen, wie das Blatt mit möglichen Exklusiv-Fotos der Opfer umgehen würde. „Es gibt keine Maxime: Machen wir oder machen wir nicht“, so der Sprecher der Bildzeitung, Tobias Fröhlich, zu MEEDIA. „Mit einer gewissen Rücksichtnahme“ behandle man das Thema aber schon.“

Die ist schon juristisch angebracht. Der Hamburger Rechtsanwalt und Medienexperte Dirk-Hagen Machiosczek sieht in einer Veröffentlichung von Fotos der Amstettener Inzest-Opfer eine „schwerwiegende Persönlichkeitsverletzung“, die je nach Aufmachung Schmerzensgeldansprüche von mehr als 100.000 Euro begründen könnten. Gerade in einem solchen Fall gehe die „besondere Schutzbedürftigkeit der Opfer“ vor, so Macioszek zu MEEDIA. Außerdem müssten Reporter mit strafrechtlicher Verfolgung wegen Hausfriedensbruch oder anderen Delikten rechnen.

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