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Werber in Aufruhr: Was enthüllt der Prozess?

Es ist ein Prozess, den die gesamte Werbebranche mit Spannung verfolgt: Heute um 14 Uhr hat die 6. Strafkammer des Wiesbadener Landgerichts das Hauptverfahren gegen die ehemaligen Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und David Linn eröffnet. Dabei geht es um Betrug in großem Stil, der die gesamte Branche in Misskredit bringen könnte: 52 Millionen Euro sollen die […]

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Es ist ein Prozess, den die gesamte Werbebranche mit Spannung verfolgt: Heute um 14 Uhr hat die 6. Strafkammer des Wiesbadener Landgerichts das Hauptverfahren gegen die ehemaligen Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und David Linn eröffnet. Dabei geht es um Betrug in großem Stil, der die gesamte Branche in Misskredit bringen könnte: 52 Millionen Euro sollen die Ex-Chefs von ihrem Arbeitgeber abgezweigt haben. Staatsanwalt Wolf Jördens hat die Anklageschrift verlesen, das Gericht will nächste Woche TV-Vermarkter anhören.

Die Staatsanwaltschaft legt Ruzicka und Linn Untreue in 87 Fällen zur Last, es geht um insgesamt 52 Mio. Euro, die sie mit Hilfe von mehr als zehn Tarnfirmen im In- und Ausland veruntreut haben sollen.

Ruzickas Anwalt Michael Traut stellte gleich nach Verlesung der Anklageschrift einen Antrag auf Aussetzung der Verhandlung. Seine Begründung: Die Verteidigung habe keinen Zugang zu allen Unterlagen gehabt, etwa zu den Protokollen der Vernehmung von Reinhard Zoffel, dem ehemaligen Mitinhaber der Agentur Zoffel Hoff (heute: Wunschkind), berichtet das Werbefachblatt „Horizont“. Das Gericht wird am kommenden Dienstag, dem zweiten Verhandlungstag, über diesen Antrag entscheiden. Einen Tag später, am Mittwoch, werden die ersten Zeugen vernommen. Dazu zählen laut Richter Jürgen Bonk auch die Verantwortlichen der TV-Vermarkter IP Deutschland und Seven-One Media. Das Gericht möchte sich einen Überblick über die Geschäftspraktiken verschaffen.

Für die Werbebranche könnte der Prozess unangenehm werden. Der Fall gilt als Musterprozess, der „erstmals detailliert untersuchen will, mit welchen Tricks in der Werbeszene gearbeitet wird”, schreibt die „Welt” in ihrer heutigen Ausgabe. Ruzicki selbst beteuert – noch – seine Unschuld und sieht sich als Opfer einer Intrige. Die „Financial Times Deutschland” (FTD) jedoch zitiert einen ehemaligen Weggefährten mit den Worten: „Der will, dass alle hochgehen – wenn schon, dann richtig.”

Anders als Werbeagenturen werden Mediaagenturen öffentlich kaum wahrgenommen, obwohl über sie eigentlich das große Geld fließt. Sie drehen keine Werbespots oder gestalten Print-Anzeigen. Als Mittler zwischen Kunde und Medium ist es vielmehr ihre Aufgabe, die Werbeetats von Konzernen auf verschiedene Medien zu verteilen und für sie zu planen, wann und wo sie ihre Anzeigen oder Spots am besten schalten. Wenige Mediaagenturen verwalten so mehr als 20 Milliarden Euro Werbegelder. Die fünf größten beherrschen über 60 Prozent des deutschen Marktes.

Gängige, wenn auch umstrittene Praxis ist es, dass Sender durch hohe Rabatte versuchen, Agenturen an sich zu binden. Die Werbung wird für sie jedoch nicht billiger, vielmehr bekommen sie Gratis-Werbeminuten oder kostenlose Anzeigenseiten. Das Geschäftsmodell ist insgesamt sehr undurchsichtig, die Kunden erfahren von diesen Rabatten oft nichts. Und Ruzicki, so der Vorwurf, habe sich dieses Modell zunutze gemacht und Freiminuten auf eigene Rechnung weiterverkauft.
 
Bis zu seiner Festnahme im Herbst 2006 war der 46-Jährige einer der mächtigsten Werbemanager des Landes. Er war der Chef der zweitgrößten deutschen Mediaagentur Aegis und bestimmte jährlich über rund drei Milliarden Euro Werbegeld.
Auffällig war sein ausschweifender Lebensstil: Ruzicka lebte in einer pompösen Villa im feinsten Stadtteil Wiesbadens, lud Kunden zu Segeltörns oder Jagdausflügen nach Südafrika und umgab sich mit viel Luxus. Das ist ihm letztlich zum Verhängnis geworden, denn auch wenn mit seinem Jahresgehalt von einer halben Million Euro nicht gerade wenig verdiente – davon hätte er sich seine Besitztümer und seinen Umgang nicht leisten können. Ein Aegis-Anwalt war ihm auf die Schlicht gekommen und informierte die Staatsanwaltschaft.
Mit dem Luxusleben könnte es bald ohnehin vorbei sein: Wenn Ruzicka schuldig gesprochen wird, drohen ihm bis zu 15 Jahre Gefängnis.

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