Das Lexikon ist tot – es lebe das Wissensportal

Der 12. Februar 2008 wird in die Annalen eingehen. An diesem Tag begann das Sterben des Buches als kulturelles Gedächtnis: Der Brockhaus Verlag gab bekannt, den Druck seines Lexikons einzustellen. Damit endet in Deutschland die 200-jährige Ära der großen bürgerlichen Enzyklopädie. Künftig soll das Wissen unserer Zeit nur noch im Internet zur Verfügung gestellt werden. […]

Anzeige

Der 12. Februar 2008 wird in die Annalen eingehen. An diesem Tag begann das Sterben des Buches als kulturelles Gedächtnis: Der Brockhaus Verlag gab bekannt, den Druck seines Lexikons einzustellen. Damit endet in Deutschland die 200-jährige Ära der großen bürgerlichen Enzyklopädie. Künftig soll das Wissen unserer Zeit nur noch im Internet zur Verfügung gestellt werden. Doch hier begegnet Brockhaus einer neuen Konkurrenz: der Community-Enzyklopädie Wikipedia und dem brandneuen Spiegel Wissen.

Viele wird schmerzen, die Sekundärqualitäten einer gedruckten Ausgabe nicht mehr erfahren zu können: die Sinnlichkeit schöner Papierseiten, das Vergnügen, wohlgesetzte Texte und Grafiken unter den Fingern förmlich zu spüren. – Passé, höchstens noch Nostalgie einer kleinen Gruppe Bibliophiler, die sich an antiquarischen Ausgaben laben. Die das am meisten bedauern, sind wohl die Verlagsleute. Entschieden aber haben die Kunden.

In den vergangenen Jahren brach der Markt der gedruckten Nachschlagewerke drastisch ein. Brockhaus sieht sich gezwungen, ganz und gar ins Netz zu migrieren, um zu überleben. „Der Traditionsverlag reagiert damit auch auf die Geschäftsentwicklung bei den gedruckten klassischen Lexika”, heißt es in einer Pressemitteilung. „2007 wurden die Umsatzziele insbesondere im Segment der allgemeinen Lexika verfehlt. Die Marktanalysen zeigen eindeutig, dass die Kunden künftig Sachinformationen in erster Linie online nachschlagen werden.” Partner des neuen Wissensportals, das im April startet, wird wahrscheinlich „Zeit online” sein.

Gerüstet für die Migration ist der Verlag schon länger, sein Wissensschatz wird seit Jahren auch in digitalisierter Form günstig auf DVD angeboten. Auf „Brockhaus online” wird er kostenlos verfügbar sein, finanziert allein durch Werbung. Seinen Marktvorteil, das Alleinstellungsmerkmal, sieht der Verlag im Konzept einer verantwortungsvollen, traditionellen Redaktion: „’Brockhaus online‘ liefert relevante und geprüfte Informationen”.

Ob das ausreicht, muss sich erweisen. Brockhaus dringt in einen Markt, den auch andere beanspruchen. Wikipedia ist mittlerweile so erfolgreich, dass es zur Recherche in Ergänzung zu den großen Suchmaschinen genutzt wird – auch von Profis. Dabei haftet dem Open-Source-Konzept immer noch ein Hautgout des Unseriösen an: Kann eine verlässliche Enzyklopädie tatsächlich von einer dezentralen Gemeinschaft beitragswilliger Laien erstellt werden, ohne eine professionelle Kontrollinstanz? Kann Nachlässigkeit und Manipulation hinlänglich vermieden werden? In der Praxis hat sich erwiesen, dass das sehr wohl der Fall ist. Eine Studie des renommierten britischen Wissenschaftsmagazins „Nature” attestierte der „Encylopaedia Britannica” eine Durchschnittsquote von drei Fehlern pro Artikel, Wikipedia kam auf vier. Der „Stern” untersuchte je 50 Einträge in Brockhaus und Wikipedia, hier schnitt die Mitmach-Enzyklopädie sogar besser ab als das Traditionsprodukt.

Doch es gibt seit Neuestem noch einen weiteren Konkurrenten. Am selben Tag, als Brockhaus seine Online-Entscheidung bekannt gab, startete „Spiegel Wissen”. Das Joint Venture von „Spiegel” und „Bertelsmann” beansprucht nichts weniger, als die „umfassendste Recherche-Plattform im deutschsprachigen Internet” zu sein. Seine Datenquellen sind beeindruckend: Der „Spiegel” öffnet sein gesamtes, bislang kostenpflichtiges Archiv seit 1947, dem Gründungsjahr des Magazins. Dazu stehen die Inhalte der „Dossiers”, von „Spiegel Online”, „Manager Magazin” und „Länderlexikon”, sowie der Bertelsmann-Nachschlagewerke „Wahrig”, „Viamundo” und des „Bertelsmann-Lexikon” gratis zur Verfügung.

Überraschenderweise durchforstet die Suche von Spiegel Wissen auch das deutschsprachige Wikipedia. So steigert der Betreiber ganz pragmatisch die Trefferquote. Möglicherweise wirkt diese weitere Aufwertung der Community-Enzyklopädie auch als zusätzliches Controlling. Das Verbundkonzept von „Spiegel Wissen” könnte jedenfalls die Lücke füllen und das Beste aus traditionellem, redaktionell erstelltem Lexikon und der effizienten und dezentralen Leistung einer Mitmach-Wissensgemeinschaft auf einem Portal zusammenführen.

Seit Monaten wird ein weiterer Kandidat auf dem Schauplatz der Wissensportale erwartet. Googles „Knol” (kurz für „knowledge”) soll ebenfalls gratis sein, existiert bislang allerdings nur in vollmundigen Ankündigungen. Der Clou von „Knol”: Die Inhalte werden von der Masse vernetzter Nutzer erzeugt wie bei Wikipedia, Google setzt jedoch stärker auf persönliche Verantwortung und wird den Autoren jedes Artikels auf der Seite mit Foto zeigen.

Welches Konzept sich durchsetzen wird, ist noch nicht besiegelt. Wikipedia ist bereits überaus erfolgreich, Brockhaus wird zweifelsohne konservative Nutzer ansprechen, Spiegel Wissen durch die Macht der Marke punkten. Eines ist bereits jetzt entschieden: Kein Wissenportal setzt noch auf einen Bezahldienst, alle wollen sich aus Werbung finanzieren. Die naheliegende Vorstellung, mit der Nutzung von lexikalischen Inhalten im Internet direkt Geld zu verdienen, ist tot.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige