Das Elend der „Social News”

Wer sein Bild von der Welt aus deutschen „Social News”-Seiten bezieht, muss sich auf einem seltsamen Planeten wähnen:

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Wer sein Bild von der Welt aus deutschen „Social News”-Seiten bezieht, muss sich auf einem seltsamen Planeten wähnen: Top-Meldungen heute lauten  „Hose runter in der S-Bahn” (Webnews), „Noch ein sms-Spruch” (Yigg), oder „Yigg – Spam ahoi” (Tausendreporter vom „Stern”).  Jetzt sucht Holtzbrincks „Webnews” Bürger-Journalisten mit dem Slogan „Schreib Dich glücklich!” – und klingt exakt so verzweifelt, wie dieses „Web2.0”-Genre wirklich ist.

Die ins Glück strebenden Bürger mit dem Foto eines brennenden Hauses („auch live dabei gewesen?”) zu ködern, hat „Webnews” zwar einiges Stirnrunzeln eingetragen (LINKS), ist aber beim Blick auf die News-Hauptseite nicht das größte Problem der ehrgeizigen Unternehmung. Was sich dort zwischen mittelmäßigen Scherz-Videos und Paris-Hilton-Klatsch abspielt, ist eigentlich noch deprimierender als der zweite Spruch, der den Webnews-Strategen zu ihrer neuen Rubrik namens „Augenzeuge” einfallen ist: „Lass’ es raus!”

Tatsächlich lässt kaum jemand etwas Relevantes „raus”, bei „Webnews” so wenig wie bei den Rivalen Yigg.de oder bei „Tausendreporter”, der News-Community von stern.de. Letztere könnte sich in „Vierreporter” umbenennen, weil seit Tagen vier Stimmen genügen, um – zum Beispiel – eine Blog-Suada über den Konkurenten Yigg („Spam ahoi”) zu den Top-Nachrichten des Tages zu spülen. Die Liste der „Top-Reporter” führt mit weitem Abstand User „dirsch” an, der fleißig PR-Mitteilungen und anderswo zusammengeklaubtes Zeug von seinem „Bonner Wirtschafts-Blog” auf die „Stern”-Seiten schaufelt.

Sie alle wollten vor sechs (Tausendreporter) bis 18 Monaten (Yigg) dem märchenhaften Vorbild von digg.com folgen, dessen Gründer Kevin Rose gern 300 Millionen Dollar für die Seite hätte – und womöglich eines Tages auch erhalten wird. Dort funktioniert die Grundidee der „social news”: Zehntausende Nutzer täglich befördern mit ihrem Votum die wichtigsten Mainstream-Nachrichten, aber auch interessante oder bizarre Fundstücke aus dem Netz auf die prominenten Plätze. Das Ergebnis ist ein meist seriöses Abbild des Weltgeschehens, aber auch der wichtigsten Debatten, versetzt mit bisweilen faszinierenden Überraschungs-Aufsteigern.

Davon kann bei der „führenden” (Yigg über Yigg), „größten” (Webnews über Webnews) oder auch „innovativen” (Tausendreporter) deutschen Gemeinschaft zur Sammlung und Weiterverarbeitung von Nachrichten keine Rede sein. Im Fall von „Webnews”, 2006 von Kölner Studenten gegründet und schon im Februar 2007 vom Holtzbrinck-Konzern (sowie der Riege deutscher „Entrepreneurs” von Gadowski bis zu den Samwers) übernommen, ist die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders dramatisch. Auf Konzern-Anweisung versehen die hauseigenen Online-Redaktionen von Zeit.de und Handelsblatt.com alle Artikel mit „Webnews”-Buttons. Doch dort landen keine edlen Feuilletons oder wohlrecherchierte Wirtschafts-Geschichten, sondern der gleiche Trash wie bei den anderen.

Offensichtlich brauchen auch „Social News”-Seiten eine kritische Größe, um per „Aggregation” zu relevanten Spiegeln der Welt zu werden. Bei digg.com sorgt sich zudem ein wache und manchmal renitente Community um das Wohlergehen des gemeinsamen Projekts – und, wie seit langem gemunkelt wird, eine heimlich tätige Redaktion, die sanft steuert und Auswüchse verhindert.

Redaktionell geführte oder begleitete News-Communitys könnten die nächste Welle von News-Aggregatoren bestimmen; das ebenfalls von Holtzbrinck betriebene „Zoomer” (angekündigter Start im Mai) gehört zu diesem Typ. Sollte das halbwegs funktionieren, werden sich renommierte Verlage wie Holtzbrinck oder Gruner+Jahr („Stern”) das Elend ihrer derzeitigen Online-Schmuddelkinder nicht mehr lange ansehen.

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