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Ovi schön ist das Internet

Handyhersteller Nokia entdeckt das Internet und startet eine Plattform namens Ovi, die Flickr, Youtube und selbst iTunes überflüssig machen soll – zumindest beim mobilen Web-Zugriff übers Telefon. Ein Hardware-Hersteller als Content-Anbieter – geht das gut?

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Handyhersteller Nokia entdeckt das Internet und startet eine Plattform namens Ovi, die Flickr, Youtube und selbst iTunes überflüssig machen soll – zumindest beim mobilen Web-Zugriff übers Telefon. Ein Hardware-Hersteller als Content-Anbieter – geht das gut?

Es ist nun wirklich nicht das erste Mal, dass Nokia fremdes Territorium betritt. Die Firma hinter dem heutigen Handy-Weltmarkführer gab es schon, da war noch nicht einmal das kabelgebundene Telefon erfunden. 1865 gründete sich Nokia als Papierfabrik, es kamen Gummi, Reifen und Kabel hinzu – und erst Mitte des 20. Jahrhunderts folgte der Einstieg in die Telekommunikation. So erscheint der Schritt vom Hardware- zum Inhalteanbieter doch vergleichsweise klein – und logisch noch dazu.

Dennoch, oder vielleicht gerade wegen dieser Logik, hält Nokias neue Strategie die Branche zurzeit in Atem. Denn was liegt näher, als nicht nur Handys zu verkaufen, sondern auch all die Dienste, die wir damit heutzutage nutzen? Und warum hat sich das bisher noch kein anderer Hersteller getraut? Statt auf Eigenentwicklungen zu setzen, unterwarf man sich – auch bei Nokia – in der Vergangenheit stets dem Diktat der Netzbetreiber und beließ es bei Partnerschaften mit den „Big players” aus dem „großen” Internet, sprich Google, Yahoo, Microsoft und Co.

Doch Nokia ist selbst ein „Big player”, hält Konkurrenten wie Motorola und Samsung immer deutlicher auf Abstand. Aus dieser Position heraus fühlen sich die Finnen nun mächtig genug, um es mit den Netzbetreibern aufzunehmen. Denn bislang bestimmten die, welche Zusatzdienste auf den Geräten ihrer Kunden funktionierten – und wollten natürlich immer kräftig daran mitverdienen. 

In einer Zeit, in der Handys immer mehr zu Internet-Zugriffsgeräten werden, sind diese Einschränkungen absurd. Als Kunde, glaubt man der Werbung, bekommt man schließlich „The whole world in your pocket”: Das sollte schon das gesamte Spektrum des Internets beinhalten. Und nicht nur die Angebote „exklusiver Partner”.

Das alleine erklärt aber noch immer nicht Nokias Online-Taktik. Es geht nicht nur darum, Handys zu Internet-Zugriffsgeräten auszubauen. Das hat die Mobilfunkbranche mit Nokia und Konsorten nicht zuletzt dank des iPhones nun vollbracht. Es geht auch darum, dass die Inhalte des mobilen Webs auf die Bedürfnisse mobiler Menschen zugeschnitten werden müssen: Keine langen Ladezeiten, keine unübersichtliche Menüführung – alles muss noch intuitiver und schneller zu bedienen sein als im klassischen Internet, als auf Ebay, Yahoo und Youtube. Aber trotzdem darf es natürlich nicht wie ein Abklatsch des Originals, eine abgespeckte Minimalversion für Mobilfunknutzer aussehen.

Genau da setzt Nokias neustes Baby an. Ovi hat man es getauft, das ist Finnisch und bedeutet so viel wie Tür. Die Tür, durch in Zukunft das Netz betreten werden soll, ist erst einmal selbst nichts weiter als eine Internetseite. Eine, die man mit jedem internetfähigen Gerät, mit jedem Browser öffnen kann – also genauso mit einem Nokia-Handy wie mit einem iPohne wie mit einem normalen PC oder Notebook. Seit Oktober ist eine erste Version unter http://ovi.nokia.com zu besichtigen. Ab 2008 soll es richtig losgehen, dann auch mit einer deutschen Version.

Es verbirgt sich allerhand hinter dieser Tür: Das unscheinbare Design der Seite, das tatsächlich manchmal an die altbewährte Menüführung der Nokia-Handys erinnert, täuscht und ist durchaus gewollt – Stichwort intuitive Bedienung. Da wäre zunächst einmal das Nokia Music Store, ein Download-Portal das sich mit keinem geringeren als mit Apples iTunes messen will und ein immenses Repertoire an kostenpflichtig herunterladbarer Musik und zukünftig auch Clips und Filmen bereitstellt. Durchaus eine Alternative zu den noch ausbaufähigen Shops der Netzbetreiber.

Dazu ist in Ovi eine Spiele-Plattform zum Download von Handy-Games aller bekannten Publisher ebenso wie aufgemotzter Versionen von Nokia-Klassikern à la Snake integriert. Dieser Dienst wurde N-Gage genannt, eine Marke, die Nokia erst einmal wiederbeleben muss – schließlich war der Versuch gescheitert, eine Kombination aus tragbarer Spielekonsole und Handy unter diesem Namen auf dem Markt durchzusetzen. Nichtsdestotrotz sind Handyspiele ein Beststeller – an dem bislang allerdings nicht die Gerätehersteller, sondern nur die Netzbetreiber verdienten.

Ein weiteres großes Thema des Internet-Portals ist der Bereich Navigation. Nicht ohne Grund hat Nokia im Oktober 2007 fast 6 Milliarden Euro für den amerikanischen Kartenspezialisten NavTeq ausgegeben – die teuerste Übernahme in der Geschichte des Konzerns. Auch beim Trend Handy-Navigation lautet die skandinavische Divise: Nicht das Feld den anderen überlassen, sondern es selbst bestellen. 

Und zu guter letzt will Nokia mit dem Ovi-Projekt „Twango Media Sharing” auch noch in das umgekämpfte Community-Geschäft einsteigen und damit in den Poker um werbefinanzierte Online-Angebote. Auch das liegt auf der Hand, schließlich ist das Handy noch viel persönlicher als ein Computer und eignet sich daher hervorragend für mitteilungsbedürftige Menschen im Web-2.0-Zeitalter. Die können ihre per Mobiltelefon geschossenen Fotos und gedrehten Filme sofort bei Ovi hochladen, per Handy von überall aus bloggen, vloggen und podcasten, und so weiter und so fort.

Vieles spricht also dafür, dass die neue Strategie aufgeht und Nokia es schafft, als Inhalteanbieter nicht nur gegen die Etablierten zu bestehen, sondern diese im mobilen Internet sogar zu verdrängen – schließlich verkauft kein Hersteller mehr Handys als die Finnen. Sollte die Internetrevolution nun gelingen, könnte man sogar spekulieren, dass es mit der Hardwareproduktion eines Tages ganz zu Ende geht. Papier, Gummi und Reifen stellt Nokia nämlich heute auch nicht mehr her.

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