Jakobs vor dem Aufstieg bei der SZ?

Wie wird in einer der erfolgreichsten deutschen Online-Redaktionen gearbeitet? Ein Besuch in München bei Hans-Jürgen Jakobs, dem Chefredakteur von sueddeutsche.de. Der 50-Jährige nimmt im medien 2.0-Interview Stellung zu der Kunst des Digital Storytelling, dem Reiz von Bilderstrecken und Live-Tickern, dem Wunsch von Büro-Surfern nach süffisanten Geschichten und dem Stellenwert von Paris Hilton. Herr Jakobs, wie […]

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Wie wird in einer der erfolgreichsten deutschen Online-Redaktionen gearbeitet? Ein Besuch in München bei Hans-Jürgen Jakobs, dem Chefredakteur von sueddeutsche.de. Der 50-Jährige nimmt im medien 2.0-Interview Stellung zu der Kunst des Digital Storytelling, dem Reiz von Bilderstrecken und Live-Tickern, dem Wunsch von Büro-Surfern nach süffisanten Geschichten und dem Stellenwert von Paris Hilton.

Herr Jakobs, wie sieht der Tagesablauf eines Online-Chefredakteurs aus?
Beginn sieben Uhr. Frühes Lesen von Zeitungen, Surfen über internationalen Webangebote, Vorbereiten der eigenen Redaktions-Konferenz. Dann geht es mit den üblichen Terminen, Abstimmungen und Gesprächen oft bis 19, 20 Uhr.

Was ist der größte Unterschied zwischen der Tätigkeit als Print-Ressortleiter und der eines Online-Chefredakteurs?
Erstens der frühe Beginn. Zweitens: das Arbeiten an Themen. Online greift man ein
Thema live auf und entwickelt es über Stunden hinweg fort. Man beginnt mit einer einfachen Agenturmeldung, der man nachrecherchiert, zu der man Interviews macht und sie so ständig ausbaut. Ein weiterer Unterschied ist der Online-Vorteil, aus vielen Formen der medialen Aufbereitung bewusst wählen zu können. Also zwischen Video, Bildergalerien oder dem Einbinden von Originaldokumenten. Es ist leichter online ein schönes Spezial zu machen, das vielseitiger und mehrdimensionaler ist als im Print. Als Fünftes kommt noch die schnelle Leser-Reaktion dazu. Im Netz bekommen wir sofort ein Feedback.

Bleibt da überhaupt noch ein Argument für das Printprodukt?
Klar. Mann kann das größere Zeitkontingent dazu nutzen, tiefer zu recherchieren, eine Person mehr anzurufen und bei der Wortwahl sorgfältiger vorzugehen. Auch das ist eine Chance.

Trotzdem: Stirbt die Tageszeitung?
Nein. Aber die Zeitungen werden sich noch mehr auf ihre Stärken konzentrieren müssen. Es gibt ausgesprochene Printformate: lange Reportagen oder graphisch opulent aufbereitete Interviews. Dazu lassen sich schöne Überblicksseiten zu aktuellen Entwicklungen in einer kurzen Form geben. Diese Mischung aus schnellem News-Überblick und eigenständigen, tiefgründigen Beiträgen kann einen wirklich hohen Nutzen stiften.

Ist es dann sinnvoll den kompletten Zeitungsinhalt online zu stellen, wie es beispielsweise die „Welt” macht?
Meines Erachtens nicht. Die Online- und Print-Angebote müssen nebeneinander bestehen und sich ergänzen, müssen aufeinander hin-, aber auch wegführen. Es macht keinen Sinn die gleiche Sache nur doppelt anzubieten. Wir müssen im Netz die Kunst des ‚Digital Storytelling’ vorantreiben und nicht einfach eine Zeitungsgeschichte überheben. Wir müssen Themen ganz neu andenken. Man muss versuchen sie zu verknüpfen zwischen Bild, Bewegtbild, Ton und Text.

Gibt es Vorbilder für Digital Storytelling?
In den USA gibt es schöne Beispiele dafür, beim Time Magazin etwa oder der Washington Post. Da sind wir in Deutschland noch nicht so weit. Wir müssen mehr Phantasie in das Metamedium Internet einbringen. Zum Beispiel wird in der Printwelt das Format der Bildergalerie oft belächelt. Aber eine Bildergalerie kann journalistisch ein sehr interessantes Format sein, wenn man viel Grips darauf verwendet und originelle, gut aufgeteilte Texte zu den Motiven findet. Das ist eine ganz eigene Online-Form, wie auch der Live-Ticker, der auch ein bisschen belächelt wird – zu Unrecht.

Wie unterscheidet sich sueddeutsche.de von den anderen deutschen Nachrichtenangeboten?
Wir haben unsere Position als aktuelles Meinungs- und Autorenportal. Wir schauen, dass wir möglichst schnell von der puren Nachricht zum Thema kommen. Die pure Nachricht ist im Netz nicht viel wert. Das heißt, wir liefern eine Einordnung, wir kommentieren, wir geben dem Ganzen einen magazinischen Spin. Das ist unsere Richtung. Das sieht man auch daran, dass wir unsere Autoren sehr prominent mit Köpfen zeigen. Bei uns sind die Journalisten das Wichtige. Wir wollen ein Journalistenportal sein.

Ist Spiegel Online auch Ihr Web-Vorbild?
Es hilf ja nicht, wenn alle wie Spiegel Online sein wollen. Der Spiegel lässt aber auch noch ein paar Lücken. Ich glaube, dass Meinung und gute Kommentare eine Lücke sind. Der Spiegel ist meinungslos über weite Strecken im Print und Online, und dieses Feld steht anderen offen.

Wozu brauchen Sie dann Promi-Geschichten und Paris Hilton?
Es mag sein, dass Paris Hilton in Provinzhauptstädten als wichtige Person der Zeitgeschichte angesehen wird. Wir in München sind da schon weiter. Aber es ist nicht zu leugnen, dass das Internet auch eine Unterhaltungskomponente hat. Vor allem die Büro-Surfer sind auch an süffisanten Geschichten interessiert. Das ist eine Beimischung, die zum Angebot dazu gehört.

Werden wir gerade Zeuge einer Materialschlacht zwischen den großen Verlagen und ihren Online-Redaktionen?
Die Diagnose ist richtig. Die Verlagshäuser suchen alle nach der richtige Strategie für das Internet, auf die richtige Antwort auf die digitalen Herausforderungen. Keiner hat ein schlüsselfertiges Konzept. Vielmehr ist es ein work in progress. Die Verlagsführungen registrieren, dass die Werbekunden ihre Gelder vom Print ins Internet umschichten. Dazu will man auch die jungen Zielgruppen mit guten Angeboten ansprechen. Gleichzeitig geben die Verlage den größeren Teil ihrer Gelder für die Akquisition von Online-Portalen aus, die völlig losgelöst von den eigenen Marken sind. Sie glauben, neue Zielgruppen ansprechen zu können und so eine Kontaktmaximierung zu erreichen. Natürlich immer mit der Hoffung verbunden, dem einen oder anderen die Printprodukte näher zu bringen.

Ist das sinnvoll?
Der Erfolgsbeweis ist bisher noch nicht geführt. Es gibt bislang nur Vermutungen. Erst einmal ist es erstaunlich, wie viel Geld in manche Webseite geflossen ist und ich glaube, dass es mit der Amortisierung dieser Investitionen schwierig werden dürfte.

Will auch der Süddeutsche Verlag zukaufen?  
Man muss sagen, dass die finanziellen Mittel des Süddeutschen Verlages im Vergleich zu Häusern wie Burda, Holtzbrinck oder Springer, die bewerkenswert aktiv sind, nicht so groß dimensioniert sind. Wir haben erst einmal Wert auf die eigenen Entwicklung und Qualitätssicherung gelegt. Dazu wollen wir unser eigenes Portal ausbauen, sind aber auch offen für Neues.

Der Süddeutsche Verlag steht zum Verkauf, der neue Käufer soll bis zu 100 Millionen Euro in Online-Aktivitäten investieren.
Diese Summe beschreibt sicherlich nur die Grenze der Möglichkeiten. Es ist kein Geheimnis, dass es unterschiedliche Ausbauideen in Richtung Veranstaltungsportal oder Münchenportal gibt. Aber da ist noch nichts festgeschrieben.

Ist die Regionalisierung einer der großen Trends im Internet?
Die Süddeutsche Zeitung ist ja beides, eine überregionale und eine regionale Zeitung. Hier, im Großraum München ist sie die bedeutendste, die stärkste Zeitung. Es wäre töricht, diesen Standortvorteil nicht zu nutzten. Ich glaube sogar, dass es ein Versäumnis ist, hier nicht rechtzeitig die Weichen gestellt zu haben und schon ein schönes Portal entwickelt zu haben.

Ob FAZ und Rundschau in Frankfurt oder der Tagespiegel in Berlin. Fast alle großen Zeitungen haben den Aufbau eines Regionalportals versäumt.
Man muss natürlich sagen, dass die Verlage nach 2001 durch ein Stahlbad gegangen sind. Das hat viele Opfer gefordert. Da sind die Investitionsmittel stark gedrosselt worden. Da ging es ja nur darum, das Angebot in einer einigermaßen ansprechenden Form aufrecht zu erhalten. Jetzt muss man natürlich auch den Rückstaueffekt wieder aufholen.

Es wird keine Zukäufe geben, sondern nur einen Ausbau bestehender Angebote?

So habe ich das verstanden.

Der Investoren-Prospekt taxiert den Süddeutschen Verlag auf eine Milliarde Euro. Wie groß ist dabei der Wert der Webseite?
Danach habe ich auch gefragt, bekam aber keine Antwort. Das ist auch schwer zu bemessen, weil süddeutsche.de in einem engen Verhältnis zur Zeitung steht. Wir sind praktisch vor- und nachgelagert. Wir versuchen den Leser zum anderen Produkt hinzuführen. Wir planen unsere Themen integriert, wir sitzen zusammen. Eine meiner ersten Amtshandlungen als Online-Chef war es, war das Online-Newsdesk zum Newsdesk Zeitung zu bringen. Sie sollen zusammenarbeiten, sich absprechen. Tendenziell würde ich sagen: die Zukunft der Zeitung ist besser, wenn das eigene Online-Angebot stark ist.

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